Wenn nur „Guten Tag“ sagen 200000 Euros kosten kann

(Übersetzung eines Artikels von Vicent Partal, Chefredakteur der meistgelesenen katalanischen Digitalzeitung „Vilaweb“, vom 30.07.2019)

Paula Rotger ist eine Arbeiterin im Flughafen Palma de Mallorca. Jeden Tag muss sie die Sicherheitskontrolle passieren, aber vor  einer Woche haben diese Alarm geschlagen. Die Sicherheitsagenten [Mitglieder der spanischen paramilitärischen Guardia Civil] haben sie genauer kontrolliert und sie konnte danach problemlos zur Arbeit gehen. Nach einer Weile und als sie schon bei der Arbeit war, kamen zwei Zivilgardisten und baten sie wieder denn Kontrollbogen zu passieren. Sie ging mit und die Kontrolle verlief ergebnislos.

Bis hier hätte die Geschichte für niemand Bedeutung, eine Alltagsgeschichte unter vielen. Die Überraschung kam danach. Als sie sich von den Zivilgardisten verabschiedete, sagte Paula Rotger auf Katalanisch [auch Amtssprache auf den Balearen] ein höfliches „Danke, und guten Tag“. Das hat einen unglaublichen und empörenden Konflikt ausgelöst. Eine der beiden Gardisten hat sie sofort bedroht und gesagt, dass „man mit der Obrigkeit Spanisch reden soll“, und hat sie danach angezeigt wegen „Gefährdung der Sicherheit im Flughafen“. Als Folge dieser unverständlichen Anzeige verlangt man von ihr als Strafe die Bezahlung von 200.000 Euro.

Der Fall hat eine enorme Polemik ausgelöst und deswegen ist es nicht ausgeschlossen, dass der eingestellt werden könnte. Aber das wirkliche Problem ist es, dass fast keine Woche vergeht, ohne das man über irgendeinen sprachlichen Angriff seitens der spanischen Polizeikräfte berichten kann. Vorige Woche gab es den Fall Jafet Pinedo  in Elx [spanisch: Elche, in der Provinz Alicante], diese Woche ist der von Paula Rotger gewesen, und so geht es leider weiter.

Bei dem Thema Sprache und Respekt der sprachlichen Rechte der Katalanisch sprechenden ist es beunruhigend zu konstatieren wie die Lage sich ständig verschlechtert. Vor Jahren, zum Beispiel, war es normal, dass die Ausführungen der katalanischen Politiker im spanischen Fernsehen problemlos untertitelt wurden. Heute aber wenn ein Politiker sich normal verhält, bekommt er Drohungen oder Verleumdungskampagnen, wie es vor kurzem den Vorsitzenden der Handelskammer [von Barcelona] passiert ist. Die Mischung eines wiederbelebten polizeilichen Autoritarismus und die wachsende spanische sprachliche Überheblichkeit wirft uns in ein Loch ohne Grund, wovon wir nicht ohne Widerstand wieder rauskommen werden, wirklicher Widerstand. Und das schlimmste ist es, dass diese Verrückten uns davon überzeugen wollen, dass was sie machen normal ist. Das ist aber alles andere als normal.

Weil es nicht normal ist, kann es in keine demokratischen Staat normal sein, dass die Polizei dich bedroht, wenn du keine Bedrohung bedeutest. Und es ist nicht normal, das jemand ein gut erzogenes „Danke und guten Tag“ als eine Gefahr interpretieren kann. Man sagt dass die Ignoranz mit Reisen geheilt werden kann, und wenn das so ist, sollten die spanischen Unionisten von Son Santjoan [der Flughafen von Palma] nach Heathrow fliegen. Und gleich nachdem sie den Zoll passiert hätten, würden sie konstatieren, wie ein Staat die Rechte seiner Bürger verteidigt, auch gegen die Übergriffen des eigenen Staates. Weil man als erstes ein sehr großer Plakat findet, dass an zwei elementare Dinge erinnert, die ich einfach wünschen würde, dass sie hier auch normal wären. Es sagt, dass wenn einer der Staatsbeamten den Reisenden nicht korrekt behandelt, hat man nicht nur das recht sondern sogar die Pflicht, den Fall zur Anzeige zu bringen. Aber es erinnert auch daran (und das hat mich das erste Mal überrascht), dass auf den Londoner Flughafen Heathrow jeder Bürger das Recht hat, seine Anzeige auf Englisch oder auf Walisisch zu schreiben. Das ist wirklich im Dienst der Bürger zu sein, der Menschen, welche mit ihren Steuern diesen Dienst bezahlen.

Bis hier der Text von Vicent Partal. Solche Fälle, die leider immer wieder vorkommen, und wovon man im Ausland wenig oder nichts erfährt, tragen bestimmt nichts bei zur Lösung des Konflikts zwischen Spanien und Katalonien. Nach dem Ende der Diktatur hätte Spanien ein Modell für ein beispielhaftes Zusammenleben von verschiedenen Völkern in einem Staat werden können. Aber der spanische Ultranationalismus, der Franco überlebt hat, hat das verhindert. Stattdessen ist es auf dem Weg das krasse Gegenteil davon zu werden. Jammerschade.

Link zum katalanischem Originaltext:  https://www.vilaweb.cat/noticies/discriminacio-linguistica-editorial-vicent-partal/

3 Kommentare

  1. Katalunien

    alle Spanier wissen, dass man der Zivilgarde Respekt zu zollen hat. Dieses paramilitaere Institut naehrt sich fast auschliesslich mit Nachwuchs aus den aermlichsten Regionen Suedspaniens. Die Mehrzahl der Kadetten schafft nicht einmal die einfachsten Aufnahmepruefungen. Vor kurzem fielen 80 % einer Promotion beim Rechtschreibetest durch, wurden trotzdem aufgenommen. Da darf man sich nicht wundern, dass diese Beamten von den 4 offiziellen Sprachen des spanischespanischenn Staates nur eine, naemlich Ihre, beherrschen. Dazu kommt, dass in Spanien die Rechte der Bürger generell mit Fuessen getreten werden. Wenn man sich in so einer Situation an einen dieser Amtstraeger in katalanischer Sprache wendet, ist man entweder strohdumm oder lebensmuede. Also nicht noch rumheulen. Viva España Viva el Rey, viva el orden y la ley.

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    • Pere Grau Rovira

      Erstens: Man (auch ein Zivilgardist) braucht gar nicht lange in Katalonien zu leben um auf katalanisch „Danke und Guten Tag“ zu verstehen,
      Zweitens: Wenn man etwas nicht verstanden hat, und höflich nachfragt, wird das gesagte sofort und überall auf spanisch wiederholt.
      Drittens: als Beamte in Dienst der Bevölkerung, soll diese Höflichkeit wohl verlangt werden, und nicht mit Drohungen und Strafanzeigen zu reagieren.
      Punkt.

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