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Wenn nur „Guten Tag“ sagen 200000 Euros kosten kann

(Übersetzung eines Artikels von Vicent Partal, Chefredakteur der meistgelesenen katalanischen Digitalzeitung „Vilaweb“, vom 30.07.2019)

Paula Rotger ist eine Arbeiterin im Flughafen Palma de Mallorca. Jeden Tag muss sie die Sicherheitskontrolle passieren, aber vor  einer Woche haben diese Alarm geschlagen. Die Sicherheitsagenten [Mitglieder der spanischen paramilitärischen Guardia Civil] haben sie genauer kontrolliert und sie konnte danach problemlos zur Arbeit gehen. Nach einer Weile und als sie schon bei der Arbeit war, kamen zwei Zivilgardisten und baten sie wieder denn Kontrollbogen zu passieren. Sie ging mit und die Kontrolle verlief ergebnislos.

Bis hier hätte die Geschichte für niemand Bedeutung, eine Alltagsgeschichte unter vielen. Die Überraschung kam danach. Als sie sich von den Zivilgardisten verabschiedete, sagte Paula Rotger auf Katalanisch [auch Amtssprache auf den Balearen] ein höfliches „Danke, und guten Tag“. Das hat einen unglaublichen und empörenden Konflikt ausgelöst. Eine der beiden Gardisten hat sie sofort bedroht und gesagt, dass „man mit der Obrigkeit Spanisch reden soll“, und hat sie danach angezeigt wegen „Gefährdung der Sicherheit im Flughafen“. Als Folge dieser unverständlichen Anzeige verlangt man von ihr als Strafe die Bezahlung von 200.000 Euro.

Der Fall hat eine enorme Polemik ausgelöst und deswegen ist es nicht ausgeschlossen, dass der eingestellt werden könnte. Aber das wirkliche Problem ist es, dass fast keine Woche vergeht, ohne das man über irgendeinen sprachlichen Angriff seitens der spanischen Polizeikräfte berichten kann. Vorige Woche gab es den Fall Jafet Pinedo  in Elx [spanisch: Elche, in der Provinz Alicante], diese Woche ist der von Paula Rotger gewesen, und so geht es leider weiter.

Bei dem Thema Sprache und Respekt der sprachlichen Rechte der Katalanisch sprechenden ist es beunruhigend zu konstatieren wie die Lage sich ständig verschlechtert. Vor Jahren, zum Beispiel, war es normal, dass die Ausführungen der katalanischen Politiker im spanischen Fernsehen problemlos untertitelt wurden. Heute aber wenn ein Politiker sich normal verhält, bekommt er Drohungen oder Verleumdungskampagnen, wie es vor kurzem den Vorsitzenden der Handelskammer [von Barcelona] passiert ist. Die Mischung eines wiederbelebten polizeilichen Autoritarismus und die wachsende spanische sprachliche Überheblichkeit wirft uns in ein Loch ohne Grund, wovon wir nicht ohne Widerstand wieder rauskommen werden, wirklicher Widerstand. Und das schlimmste ist es, dass diese Verrückten uns davon überzeugen wollen, dass was sie machen normal ist. Das ist aber alles andere als normal.

Weil es nicht normal ist, kann es in keine demokratischen Staat normal sein, dass die Polizei dich bedroht, wenn du keine Bedrohung bedeutest. Und es ist nicht normal, das jemand ein gut erzogenes „Danke und guten Tag“ als eine Gefahr interpretieren kann. Man sagt dass die Ignoranz mit Reisen geheilt werden kann, und wenn das so ist, sollten die spanischen Unionisten von Son Santjoan [der Flughafen von Palma] nach Heathrow fliegen. Und gleich nachdem sie den Zoll passiert hätten, würden sie konstatieren, wie ein Staat die Rechte seiner Bürger verteidigt, auch gegen die Übergriffen des eigenen Staates. Weil man als erstes ein sehr großer Plakat findet, dass an zwei elementare Dinge erinnert, die ich einfach wünschen würde, dass sie hier auch normal wären. Es sagt, dass wenn einer der Staatsbeamten den Reisenden nicht korrekt behandelt, hat man nicht nur das recht sondern sogar die Pflicht, den Fall zur Anzeige zu bringen. Aber es erinnert auch daran (und das hat mich das erste Mal überrascht), dass auf den Londoner Flughafen Heathrow jeder Bürger das Recht hat, seine Anzeige auf Englisch oder auf Walisisch zu schreiben. Das ist wirklich im Dienst der Bürger zu sein, der Menschen, welche mit ihren Steuern diesen Dienst bezahlen.

Bis hier der Text von Vicent Partal. Solche Fälle, die leider immer wieder vorkommen, und wovon man im Ausland wenig oder nichts erfährt, tragen bestimmt nichts bei zur Lösung des Konflikts zwischen Spanien und Katalonien. Nach dem Ende der Diktatur hätte Spanien ein Modell für ein beispielhaftes Zusammenleben von verschiedenen Völkern in einem Staat werden können. Aber der spanische Ultranationalismus, der Franco überlebt hat, hat das verhindert. Stattdessen ist es auf dem Weg das krasse Gegenteil davon zu werden. Jammerschade.

Link zum katalanischem Originaltext:  https://www.vilaweb.cat/noticies/discriminacio-linguistica-editorial-vicent-partal/

Die Verheerungen eines Staatsstreiches

Die willkürliche Anwendung in Katalonien des Artikels 155 der spanische Verfassung kommt einem Staatsstreich gleich. Unter den Schirm des 155 haben Regierung und Justiz Spaniens, wie schon mehrmals berichtet, sowohl die Verfassung als die übrigen spanischen Gesetze grob verletzt und tun es immer weiter. Nun, könnte ich mich vorstellen, dass der eine oder andere Leser sich sagen könnte: na ja, schön ist es nicht, doch wenn Spanien die Unabhängigkeit Kataloniens verhindert, aber im übrigen kein anderer Schaden entsteht, kann man ein gewisses Verständnis dafür haben… Und damit würde sich dieser Leser gewaltig irren. Weil die Verheerungen, dass diese spanische Willkür anrichtet, sind immens und viele Bürger davon betroffen. Auch bei Kultur, Gesundheit, Wirtschaft oder Soziales. Ein Artikel in der katalanischen Zeitung „El Punt-Avui“ hat eine ausführliche Inventur des bisherigen Schadens geliefert. Hier werde ich nur einige der krassesten Beispiele davon zitieren.

-Bis jetzt sind 251 katalanische Politiker und Beamten ihrer Posten enthoben worden. Vom Präsidenten bis zum bescheidenen Abteilungsleiter in aller Ebenen der Verwaltung. Diese „Enthauptung“ der katalanischen Institutionen (wie Spaniens Regierungsvizepräsidentin es frohlockend genannt hat) dazu addiert die strenge Überwachung Madrids hat die Verwaltung der Region fast paralysiert.

SSS

Soraya Sáenz de Santamaría

-24 Organe der katalanischen Regierung, die gezielte Bereiche des regionalen Lebens regulierten oder förderten, sind eliminiert worden. Demgegenüber ist eine gewaltige Vermehrung der Bürokratie entstanden, durch die Anträge an die spanischen „Interventionskommissare“, die jetzt für jede Kleinigkeit angeordnet wurden.

-Die geplante Einrichtung von 14 neuen Gerichten, um Verfahren beschleunigen zu können, wurde abgelehnt.

-Ein territorialer Wohnungsplan, um 235.000 soziale Wohnungen möglich zu machen, wurde abgelehnt.

-Der Einkauf eines dringend notwendigen Computertomographs für das Krankenhaus in Igualada (eine Stadt mit 117.000 Einw.) wurde verhindert.

-Das Leasing von 80 Fahrzeugen, um ältere von der Feuerwehr zu ersetzen und um Waldbrände besser bekämpfen zu können, wurde abgelehnt.

-Die Beteiligung der Hafen-Behörde von Barcelona an Handelsmissionen im Ausland, wurde verboten.

-Eine Reform des Schulsystems, welche die Einstellung von 3.000 zusätzlichen Lehrkräften erlaubt hätte, wurde gestoppt.

-Ein schon vorbereitetes Landwirtschaftsgesetz, um nicht benutzte Agrarflächen kultivieren zu dürfen, wurde abgelehnt.

-Alle Finanzhilfen an die katalanischen Vereine im Ausland wurden gestrichen.

-Alle Entschädigungszahlen an die ehemalige politischen gefangenen der Diktatur wurden eingestellt.

-Die geplante katalanische Agentur für Cybersicherheit wurde eingestellt.

-Geplante Verbesserungen für Altersheime wurden eingestellt.

-Das geplante Gesetz für die Folgen der Klimaerwärmung  wurde aufgeschoben.

-Die Anwendung des 155 vermeidet, dass die katalanischen Behörden Berufung gegen Entscheidungen des spanischen Verfassungsgerichtes erheben können.

-Die Mittel für Forschungszentren sind drastisch gekürzt worden, sodass u.a.  auch die Krebsforschung nicht über ein Mindestmaß an Mittel verfügt.

-Viele öffentliche Bücherhallen können jetzt keine neue Bücher erwerben.

-Ein Gesetz, das die Lage von Krankenschwester und -Pfleger bessern sollte, bleibt blockiert.

Die Liste ist noch wesentlich länger aber ich meine, dass die erwähnten Beispiele vollkommen genügen um die Verwüstungen zu verstehen, welche die spanische Intervention in Katalonien verursacht. Da wird das Wohlergehen des Volkes ignoriert und das Land wie erobertes Territorium für seine Unbotmäßigkeit bestraft.  Ist es ein Wunder, dass so viele Katalanen diese rücksichtlose Arroganz der spanischen Machthaber so schnell wie möglich hinter sich lassen möchten?

P.S. Auch noch das! Jetzt will die spanische Regierung das katalanische Schulsystem auf den Kopf stellen, sodass das Katalanische zugunsten des Spanischen zurückgedrängt wird und so ein Modell, dass viel zur gesellschaftlichen Kohäsion in Katalonien beigetragen hat und große Anerkennung im Ausland findet, zunichte machen. Auf irgendeinen legalen Weg ist dieses verrückte Vorhaben nicht zu machen. Aber die jetzige spanische Regierung pfeift leider auf die Legalität, wenn diese ihr im Wege steht. Die Aufregung und die Empörung sind in Katalonien enorm. Wieder ein verhängnisvoller spanischer Irrtum, dass den vorhandenen Graben weiter und weiter vertieft…

elcatalàalescola

Alter katalanischer Plakat (1920): „Die Schule auf Katalanisch. Jetzt und immer“.

Mitten im Sturm

Es ist nicht der Zweck dieser Seiten, die Ereignisse Tag für Tag zu verfolgen. Das gehört zu den Aufgaben der Presse (gedruckt oder digital). Jetzt ist das politische Katalonien in der Mitte eines Sturms, dessen kurzfristige Folgen nicht vorhersehbar sind. Ich betone, die kurzfristige, weil langfristig Spanien nie die Katalanen zur Aufgabe wird zwingen können. Nicht mit Gewaltanwendung, nicht mit Aufrufen zur Respektierung der Gesetze, während die spanische Regierung und die spanische Justiz selber die eigenen Gesetze mit den Füßen treten, indem sie Verfassung und Strafgesetzbuch „freihändig“ interpretieren und nach eigenem Gusto zurechtbiegen; auch nicht mit einer Zwangsverwaltung deren Ausmaß Verfassungswidrig ist. Es ist nicht ein Problem von einem Haufen aufmüpfiger Politiker die „neutralisiert“ werden sollen kostet was es wolle, sondern eines von mehr als zwei Millionen Bürgern, die sich immer besser organisieren, und immer mehr werden, je willkürlicher und unbegreiflicher Spanien in Katalonien wütet. Darüber wird in den folgenden Wochen und Monaten noch viel zu berichten sein. Und selbstverständlich sofort, wenn der „Thriller“, der in Barcelona zur Zeit läuft, sich einigermaßen aufklärt und man eine Ahnung davon bekommt wie es weiter gehen soll.

Heute möchte ich (wieder was „Vermischtes“…) zwei sehr unterschiedliche Themen ansprechen. Das Erste (leider wieder) die immer noch mangelhafte Genauigkeit der deutschen Berichterstattung; das Zweite die traurigen, empörenden Blüten, die ein entfesselter Antikatalanismus treibt,  ein Antikatalanismus, der seit drei Jahrhunderten von vielen Politikern angefacht wurde als Sündenbock, um die eigenen Verfehlungen zu kaschieren.

Erstens, also, die deutsche Berichterstattung. Über Quantität kann man nicht meckern. Sogar fast unbekannte Provinzzeitungen reden davon. Aber -mit sehr wenigen ehrenvollen Ausnahmen- wird der deutsche Leser damit irregeführt. Nur drei Beispiele: 1.) es wird immer darauf hingewiesen, dass Präsident Puigdemont vor der spanischen Justiz geflohen ist, was dem Leser das Bild eine feigen Politikers vermittelt. Nirgendwo habe ich den Hintergrund davon lesen können: dass alles eine Entscheidung der gesamten katalanischen Regierung war sich aufteilen um so besser gegen die willkürlichen Rechtsbeugungen der spanischen Regierung reagieren zu können. 2.) Keine Nachricht über Puigdemont im deutschen Fernsehen ohne einen Hinweis darauf, dass er wegen Rebellion angeklagt ist. Und wieder kein Hinweis darauf, dass diese Anklage (wie auch die wegen Aufruhrs) erhoben worden ist unter Missachtung des spanischen Strafgesetzbuches, das ganz präzise definiert, dass man nur von Rebellion sprechen darf, wenn Waffengewalt zur Anwendung kommt, was im Fall der immer gewaltlosen Katalanen nicht geschehen ist, wie alle Welt weiß. Und 3.) Es werden immer wieder spanische Politiker zitiert, die selbstgerecht mahnen, dass man nicht die Verfassung und die Gesetze des Landes missachten darf, und deswegen die Gesetzesbrecher juristisch verfolgt werden müssen. Aber sehr wenige Journalisten haben auch davon gesprochen, dass es die spanische Regierung und die spanische Justiz, welche die gravierendsten Verstöße gegen das spanische Gesetz getan und den Begriff „Rechtstaat“ für Spanien vollkommen ruiniert haben.

Diese Einseitigkeit der Berichterstattung ist nicht nur bedauerlich, sondern auch, meiner bescheidener Meinung nach, ein Affront gegen die Werte und Prinzipien der Bundesrepublik Deutschland, die für alle Welt ein Leuchtturm der Menschlichkeit geworden sind.

Und nun zu den dunklen Seiten des Antikatalanismus, der nur ein Aspekt des spanischen Ultranationalismus ist.

Am 17.01.2017 ist in dem spanischen Internetportal „El Espanol“ ein Artikel von einem Herrn Cristian Campos erschienen, der ein Pamphlet gegen die katalanische Sprache ist. Der Titel: „Das ewige katalanische Problem ist die Sprache“. Nach dem Autor ist das katalanische vollkommen irrelevant und „es kann nicht mal das Argument der Kraft, der Nützlichkeit oder des kulturellen Prestiges für sich nennen, wie es das Englische, das Spanische, das Mandarin oder das Hindi beanspruchen können…“. Dann versteigt sich Herr Campos zu der hanebüchenen Behauptung, dass die Sprache: „…wie ein Werkzeug der Rache der nationalistischen Katalanen gegen die Verfassungstreuen ist, die in der Region als Bürger zweiter Klasse betrachtet werden“, was jeder unparteiische Beobachter des katalanischen Alltags als piren Unsinn bezeichnen wird.

Nach einigen weiteren „Perlen“ wie die „Diskriminierung“ der spanischsprechende Studenten und ähnliches, schreibt der Autor: „Das Katalanische ist der historische Fluch Kataloniens gewesen… seit 1978 ist als Segregationswaffe benutzt worden… Sie ist vom Nationalismus infiziert zu einem fremdenfeindlichen Symbol geworden und als Eintracht Sprache disqualifiziert. Das Katalanisch ist schon nichts viel mehr als ein Werkzeug des Hasses in den Händen deren die mit ihr ihren Rassismus beleben“. Und noch: „Ohne das Katalanische würde die Fantasie der „katalanischen Eigentümlichkeit“ wie ein Kartenhaus zusammenfallen und die nackte Wirklichkeit zeigen: dass es eine spanische Gemeinschaft ist ohne mehr oder weniger Geschichte oder Verdienste als alle anderen übrigen sechzehn. Eine Gemeinschaft von Gleichen in einem Land von Gleichen. Das heißt: eine Demokratie“.

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Ich weiß nicht, ob ein nicht informierter deutscher Leser so eine Hasstirade als solche erkennen kann. Man könnte nur den Kopf schütteln über so viel Ignoranz darüber, was eine Sprache für ein Volk bedeutet, desto mehr wenn diese Sprache mehrfach gnadenlos verfolgt worden ist. Aber die Sache ist viel gravierender. Die meisten Kommentare der Leser des Artikels (und das Portal hat immerhin mehr als 16 Millionen Besucher!) hauen in derselbe Kerbe und solidarisieren sich mit den Ungeheuerlichkeiten von Herrn Campos. Und wie man als Katalane weiß, dass Katalonien für Leute nicht nur aus Spanien sondern aus vielen anderen Ländern der Welt ein Aufnahmeland, für viele sogar ein Zufluchtsland ist, man verzweifelt daran, ob mit diesen unversöhnlichen Tiraden, die von so vielen Spanier geglaubt werden, den Graben zwischen Katalonien und Spanien noch zu überwinden sei.

Über den Rubikon

Die Entscheidung ist gefallen. In den nächsten Wochen wird es sich erweisen was stärker sein wird, die repressive Fähigkeit des spanischen Staates oder die Fähigkeit zum Widerstand des katalanischen Volkes. Ich werde hier keineswegs den billigen Propheten abgeben wollen und will nur meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass die Warnung der EU an Spanien keine Gewalt anzuwenden, von den Madrider Machthabern beherzigt wird.

Mein Anliegen heute ist es eher wieder einmal festzustellen wie wenig Ahnung viele Politiker und viele Journalisten von dem Wesen dieses Konfliktes haben. Die Stellungsnahmen und Kommentare zu den Ereignissen der letzten Tagen sind allzu oft befremdlich und zeigen, auch bei Leuten, die es besser wissen sollten, wie wenig Ahnung sie haben von den „Besonderheiten“ (nennen wir es gnädig so) der spanischen Politik.

Nehmen wir z.B. Herrn Juncker. Er hat gesagt, dass die Katalanen von Spanien nicht unterdrückt werden; sie können also nicht das allgemeine Selbstbestimmungsrecht als Vorwand für ihre Sezession in Anspruch nehmen. Und da muss man fragen: Wo fängt Unterdrückung an? Als was beurteilt Herr Juncker diese Tatsachen, und nennen wir hier nur die folgenden.

1. Eine Lösung für den freiwilligen Verbleib der Katalanen im spanischen Staat war gefunden. Ein Autonomiestatut war (schon erheblich beschnitten) vom spanischen und vom katalanischen Parlament verabschiedet, von den Katalanen in einen Referendum akzeptiert und vom König unterschrieben worden. Und dann – wie sattsam bekannt-  von Herrn Rajoy und seinen radikalen spanischen Nationalisten torpediert und, mit dem Verfassungsgericht als willigem Werkzeug zu einer hohlen Hülse herabgestuft worden, die sogar den minimalen Wünschen der Katalanen Hohn sprach.

2. Es sollte hinreichend bekannt sein wie wichtig den Katalanen ihre Sprache ist, die in den letzten drei Jahrhunderten oft verboten war, und jede Menge Hindernisse überwinden musste, um nicht zu einem folkloristischen Überbleibsel zu verkommen. Seit einigen Jahren werden seitens der spanischen Regierungen wiederholt Versuche unternommen, die Normalität des Katalanischen wieder zurückzuschneiden und die Herrschaft über die Bildungspolitik in Katalonien vollständig zu erlangen. Die spanischen Politiker haben kein Problem damit darüber Lügen zu verbreiten, z.B. dass in den katalanischen Schulen kein spanisch unterrichtet wird, obwohl es bekannt ist, dass oft die Noten der katalanischen Schüler in der spanischen Sprache so gut wie die besten in den anderen Regionen Spaniens sind. Oder es wird behauptet, dass das Erlernen der katalanischen Geschichte eine Verzerrung der Wirklichkeit und eine Indoktrination der Kinder gegen Spanien ist. Kein Wort darüber, dass die spanische Geschichte, welche die spanischen Kinder lernen seit Jahr und Tag in manchen Teilen eine Verhöhnung der Wirklichkeit ist (besonders wenn es um das Verhältnis zwischen den  verschiedenen Völker, die in Spanien miteinander leben, geht), alles „zum Ruhm“ des „Heiligen Land Spanien“ wie es in einem Lesebuch für Kinder in den 1940er. Jahren heißt.

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Grafik aus dem Blog cartaoberta.com

Und was die Medienkommentare betrifft, die meisten stellen es als sicher dar, dass die Übernahme der Macht in Katalonien durch die spanischen Behörden eine unausweichliche Tatsache ist und sprechen sogar von der kurzlebigsten Republik der Geschichte. Es wird verkannt, und das sollte keine Überraschung für den Leser dieses Blogs sein, dass die spanischen Machthaber es nicht bloß mit einer Art wild gewordenen Haufen von Politikern zu tun haben, die man leicht „zu Raison“ bringen kann, sondern mit einer Volksbewegung, mit einer Lawine der Entschlossenheit, die die arroganten Politiker in Madrid selbst losgetreten haben. Und deswegen sind die Umstände nicht so klar und vernichtend wie manche Berichte in Deutschland beschreiben.

Und diese Entschlossenheit sich nicht wieder von der Madrider Politik kujonieren zu lassen, das absolute Misstrauen gegenüber der – sich so oft als falsch erwiesenen – Versprechungen der Zentralregierung werden in der nächsten Zeit das Verhalten der Bevölkerung Kataloniens bestimmen. Und das wird manchen Verdruss in Spanien, und viele Überraschungen in Deutschland verursachen.

Es ist auch viel berichtet worden über „Chaos in Barcelona“ und einen „wankenden und unentschlossenen katalanischen Ministerpräsidenten“. Wer den Werdegang Puigdemonts sorgfältig verfolgt hat, weiß ganz genau, dass Puigdemont weder wankend noch unentschlossen ist. Er hat nur taktieren müssen um die beste Entscheidung treffen zu können, welche die Umstände erforderten und ratsam machten.

Gewiss es steht alles in der Schwebe, und wie ich am Anfang dieses Textes schrieb, die Entschlossenheit von Millionen von Katalanen wird für den Ausgang maßgeblich sein. Demnächst werde ich -bestimmt- wieder Fehler in der deutschen Berichterstattung kommentieren müssen. Oder vielleicht werden die Berichterstatter doch kapieren, dass alles nicht so klar ist wie sie sich vorgestellt hatten. Warten wir es mal ab.

Matthias Claudius hat mal geschrieben: „Niemand ist frei der nicht Herr über sich selbst ist“. Und das ist was die Mehrheit der Katalanen jetzt will, und nichts anderes.

P.D. Übrigens ich empfehle wärmstens ein Artikel von Prof. Axel Schönberger, Universität Bremen:

https://www.change.org/p/sergio-mattarella-presidente-della-repubblica-italiana-presidente-della-repubblica-italiana-solidarit%C3%A4t-mit-katalonien-f%C3%BCr-das-recht-auf-friedliche-selbstbestimmung/u/21672142?#

Und auch dieses Interview:

http://www.ardmediathek.de/radio/Das-war-der-Tag-Deutschlandfunk/Wie-geht-es-weiter-in-Katalonien-Interv/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?bcastId=21648930&documentId=47074462

 

Dicke Bretter durchbohren

Dieser Blog ist jetzt 10 Monate alt, und dieser Artikel der 44. Und immer schreibe ich mit dem Gefühl, dass es mir vorkommt, als wollte ich besonders dicke Bretter durchbohren. Dies ist mir besonders bewusst  geworden, nachdem ich im katalanischen Nachrichtenportal Vilaweb (hier auf English) einen Artikel des Journalisten und Publizisten Joan-Lluís Lluís gelesen habe, mit dem Titel „Von der schwierigen Kunst zu versuchen Spanien zu erklären“. Erlauben Sie dass ich Teile davon zitiere:

…Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht die richtige Worte finde, aber jedes Mal, wenn ich jenseits von Spaniens Grenzen über Spanien reden muss, sehe ich mich mit dem selben Problem konfrontiert. Die Leute denken, dass ich übertreibe. Ich kann über die Prozesse und die Urteile gegen Mas, Ortega und Rigau reden, über das laufende Verfahren gegen die Parlamentspräsidentin, über das objektive Interesse der spanischen PP das Schreckgespenst ETA am Leben zu erhalten, über die öffentliche Verhöhnung der katalanischen Sprache, über die tatsächlichen Grenzen des Rechts aus Meinungsfreiheit … ich kann reden über das Raubrittertum in der spanischen Steuerpolitik, über Flughäfen ohne Flugzeuge, über Hochgeschwindigkeitszüge ohne Passagiere, über den verweigerten Ausbau eingleisiger Nahverkehrstrecken rund um die Metropole Barcelona oder darüber wie der spanische Staat den „Mittelmeerkorridor“ interpretiert. Mein Erfolg ist aber gering.

Dabei fällt mir auf, dass meine Gesprächspartner in der Regel die selbe Vorstellung von Spanien teilen: dass es ein armes Land war, das jedoch sein wirtschaftliches Niveau wesentlich verbessert habe. Das es eine Diktatur war, jedoch heute uneingeschränkt mit jeder westlichen Demokratie zu vergleichen sei, und fertig. Es sei doch Mitglied der EU, oder? Und es gäbe regelmäßig Wahlen. Gibt es da nicht den politischen Machtwechsel? Das solle doch ausreichend zeigen, dass alles nicht so im argen liegt… Was ich sonst erzähle, scheinen für jene Einzelfälle sein. Einzelfälle, von denen man halt so erzählt, vielleicht sogar aus böser Absicht. Und selbst jene, die mir keine bösen Hintergedanken unterstellen, reagieren lediglich mit Schulterzucken. Wahrscheinlich sei es ja gar nicht so schlimm… Der Versuch Spanien zu erklären, ist es wie mit einem Skateboard über einen feinsandigen Strand fahren zu wollen. Der Versuch ist lobenswert, das Ergebnis gleich Null…“

Solch eine Erfahrung, wie die des Journalisten habe ich auch oft genug gemacht. Und ebenso häufig ist die Reaktion der gutgemeinte Rat, dass doch „alles durch einen vernünftigen Dialog zu lösen sein sollte“. Selbst wenn man darauf hinweist, dass die Katalanen seit Jahr und Tag den Dialog gesucht haben, dass sie versucht haben, ein vernünftiges Miteinander innerhalb des spanischen Staates durch ein adäquates Autonomiestatut zu erreichen. Stattdessen wurde ein Autonomiestatut, das den katalanischen Wünschen immerhin teilweise Achtung schenkte und von allen, auch gesamtspanisch anerkannt worden war, nachträglich durch eine Klage beim Verfassungsgericht, initiiert von der spanischen Volkspartei, so weit verstümmelt, dass es zu einer leeren Hülse verkam.

Und was geschah mit der Anfrage der Katalanen nach einer neuen und gerechteren Finanzregelung, die Katalonien im besten Falle die selben Rechte gewährt hätte wie sie das Baskenland und Navarra schon lange genießen? Sie wurde abgelehnt. Man hat wenigstens um erweiterte regionale Zuständigkeiten gebeten, um Straßen, Eisenbahnlinien, Häfen und Flughäfen zum Nutzen des ganzen Landes verbessern und erweitern zu können. Sie wurden abgelehnt. Alles wurde verweigert. Ohne Dialog. Stattdessen findet man in Spanien Flughäfen ohne Flugzeuge und Hochgeschwindigkeitszüge zu Orten, an denen weniger Menschen leben  als es Plätze im Zug gibt.

Und ausgerechnet jetzt, wo die Katalanen nicht mehr still halten, sich nicht mehr mit dem ständigen Nein zufrieden geben, ausgerechnet jetzt bittet die spanische Regierung um einen Dialog mit den Katalanen, aber vermeidet tunlichst den direkten Kontakt mit der katalanischen Landesregierung. Und stellt unmissverständlich klar, dass ein solcher sogenannte Dialog nur Themen behandeln dürfe, die den jetzigen Status quo  verfestigten. Ausgerechnet jetzt spricht der spanische Ministerpräsident von ein paar Milliarden zur Verwirklichung von Infrastrukturprojekten, die schon oft versprochen, aber nie realisiert wurden. Und er macht dies nicht etwa während eines Treffens mit der katalanischen Landesregierung, sondern während eines Vortrags vor ihm genehmen und zugeneigten Vertretern der Wirtschaft.

Derweil geschehen weiter viele Dinge, die im Ausland unbemerkt bleiben, aber in Katalonien sehr wohl registriert werden. Zum Beispiel, dass ein katalanischer Professor (von die Universitat Politècnica de Catalunya), am Flughafen Barcelonas, sich höflich an einem spanischen Polizisten in katalanischer Sprache wendet, um eine Auskunft zu erfragen, und nun deswegen eine Geldstrafe von 601 Euro bezahlen muss (hier auch auf spanisch). Eine Willkür, die durch ein Gesetz ermöglicht wird, das den schönen Namen „Gesetz zum Schutz der persönlichen Sicherheit“ trägt, in ganz Spanien aber (und nicht nur in Katalonien) unter dem weniger schönen Namen „Knebelgesetz“ bekannt ist. Gewährt es doch den spanischen Sicherheitsdiensten umfangreiche Rechte, die jenen der Türkei Erdogans verdächtig ähnlich sind.

Liebe Leser dieses Blogs: ich kann nicht einschätzen ob Sie meinen Worten Glauben schenken oder nicht, obwohl ich das Beste hoffen möchte. Aber ich werde weiter durch dicke Bretter bohren. Für uns Katalanen gibt es keine Alternative.

P.S. Wie der zitierter Journalist Herr Lluís sagt, werden im Ausland viele heutige Übergriffe auf die katalanische Sprache als bloße „Einzelheiten“ betrachtet. Diese Sichtweise wird aber unhaltbar, wenn man die Dossiers über das Thema ließt, die von der „Plattform für die Sprache“ (Plataforma per la Llengua) in langer und geduldiger Arbeit zusammengesetzt sind. Anschließend zwei berichte in englischen Sprache. Der erste von über 40 gravierenden Fällen von Diskriminierung in den Jahren 2007-2013, der zweite über 37 Fällen in den Jahren 2013-2015.

https://www.plataforma-llengua.cat/media/assets/4146/The_catalan_case.pdf

https://www.plataforma-llengua.cat/media/upload/2016-03-11-linguistic-discrimination-cases_1457697768.pdf

Auch sollte man nicht vergessen, dass im Januar 2016 der Europarat sechs Empfehlungen an die spanische Regierung über dringende Maßnahmen geschickt hat, um in Spanien der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen, die auch von Spanien unterschrieben wurde, Geltung zu verschaffen und unhaltbare Zustände zu korrigieren. Das ist aber bis jetzt nicht geschehen.

https://search.coe.int/cm/Pages/result_details.aspx?ObjectID=09000016805c1bea

Das Sprachen-Problem: schwierig aber lösbar

Bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Kataloniens noch eine katalanischsprechende. Der Bau der internationalen Expo von 1929 brachte die erste große Welle von spanischen Arbeitern und ihren Familien. Die zweite -und größte- kam nach dem Bürgerkrieg. In Katalonien haben damals viele Spanier die Verdienst- und Überlebenschance gefunden, die sie in ihrer Heimat nicht hatten. Die damaligen Verbote und Unterdrückung  der Sprache und Kultur Kataloniens führten aber zu dem Ergebnis, dass die neuen Bewohner des Landes wenig bis keine Gelegenheit hatten, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass sie jetzt in einem Land lebten, das kulturell radikal anders als ihre Ursprungsregionen war. Sie hörten zwar die „Aborigines“ privat in einer ihnen fast unverständliche Sprache reden, aber für ihr tägliches leben war diese andere Sprache vollkommen unnötig. Das ganze öffentliche Leben, die Schule, Rundfunk und Presse (später auch das Fernsehen) etc. war ausschließlich auf spanisch. Und so wurde Katalonien ein Land mit zwei sprachliche Gruppen: eine spanisch einsprachig, und eine andere gezwungenermaßen katalanisch-spanisch zweisprachig.

Die Bildungspolitik der katalanischen Regierungen der letzten 30 Jahren, die in den Schulen das katalanische als Lernsprache in allen Fächer einführte, hatte zwar zum Ergebnis, dass die neue Schülergenerationen Katalanisch können, aber außerhalb der Schule von keinem aus spanischsprechenden Familien im Alltag benutzt wurde, weil sie weiterhin das Katalanische für ihr normales Leben als unnötig betrachten konnten.

Die Frage wie ein unabhängiges Katalonien diesen Zustand behandeln muss, wird ín der katalanischen Gesellschaft  intensiv und kontrovers geführt. Es gibt im allgemeinen einen mehrheitlichen Konsens darüber, dass es keine einfache für alle zufriedenstellende Patentlösung gibt, aber wohl, dass das Problem lösbar sein wird.

Die vorherrschende Meinung ist es, dass in einem unabhängigen Katalonien das Katalanische die Hauptsprache sein muss (oder „offizielle“ oder „territoriale“ oder wie man es auch immer benennen will). Da man aber gleichzeitig keineswegs möchte, dass die spanischsprechende Bevölkerung dieselbe Schikanen erlebt, die wir Katalanen so lange erdulden mussten, soll diese Regelung von anderen begleitet und ergänzt werden, die international als gerecht betrachten werden können.

Wie am Ende alle Aspekte dieses Problems gelöst werden, wird von dem spanischsprechenden Teil der Bevölkerung die Erkenntnis verlangen, dass sie in einem neuen Staat leben, in dem das Spanische nicht mehr wie in den letzten 300 Jahren privilegiert ist. Und von der katalanischsprechende Bevölkerung die Erkenntnis dass sich nicht alles von einem Tag zum anderen ändern wird und, dass das bisherige friedliche Miteinander der beiden gruppen weiter beibehalten erden muss. Und das, was auch immer die ewigen Kassandra Stimmen behaupten mögen, wird gelingen, weil die Katalanen respektieren, wer sie respektiert.

Von diesem Respekt anderen gegenüber gibt es ein Beispiel, das in Deutschland wenig oder gar nicht bekannt ist. Im äußersten Nordwesten Kataloniens liegt der Arantal. Dieses hat in etwa ca. 1,1 % der Fläche und 0,15 % der Bevölkerung Kataloniens. Die Sprache der Bevölkerung dieses Tales ist weder Spanisch noch Katalanisch sondern Aranesisch, eine Mundart des Okzitanischen. Das Tal wurde im Mittelalter durch dynastische Zufälligkeiten Katalonien zugeführt, obwohl es geographisch und kulturell zum Großraum Aquitanien gehörte. Schon vor einigen Jahren hat das autonome Katalonien das Arantal eine weitgehende Selbstverwaltung zugestanden, die auch den normalen gebrauch des aranesischen  einschließt. In allen bisher erschienenen Entwürfen einer katalanischen Verfassung werden diese rechte der Aranesen in einem besonderen Kapitel festgeschrieben. Und wenn die Rechte des sehr kleinen Arantal respektiert werden, desto mehr würde eine gangbare Lösung für die spanischsprechenden Katalanen gefunden werden.

Es ist in den letzten Jahrhunderten viel Unrecht geschehen, und es wird viel Mühe und Geduld kosten, alles wieder ins Lot zu bringen ohne dass neues Unrecht geschieht. Aber es wird gelingen, weil es bei der überwältigenden Mehrheit der Katalanen keinen revanchistischen Geist gibt. Eher eine immense Traurigkeit, dass die Sturheit der spanischen Katalonien-Politik keine andere Lösung als die Trennung zugelassen hat.