Perpignan und die Folgen (1)

Es ist bestimmt nicht leicht einem Deutschen oder einem Österreicher die Tragweite der katalanischen Kundgebung in Perpignan (katalanisch. Perpinyà) am vorigen 29.02.20 begreiflich zu machen. Ich möchte meinen Versuch damit anfangen, gewisse Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Die haben damit zu tun, dass viele Europäer wahrscheinlich nichts anfangen können mit der Tatsache, dass der französische Departement Roussillon für die Katalanen einfach „Nordkatalonien“ ist, und dass Puigdemont und die anderen Exilierten so unterstrichen haben, dass seit sie ins Exil gingen, es des erste Mal ist, dass sie -dank ihrer neuen Immunität- katalanisches Territorium betreten können. Ich möchte meine geschätzten Leser um Verständnis und Geduld wenn ich etwa weit zurückgreifen muss, um das zu erklären.

Roussillon, (katalanisch: Rosselló) war eine der Gegenden, die von Anfang an, seit dem früheren Mittelalter zu dem Kern des zukünftigen Kataloniens gehörten. Es war katalanisches Territorium bis zu dem Zeitpunkt, dass Spanien im Jahr 1659, bei dem „Pyrenäen Vertrag“, der einen langjährigen Krieg zwischen Spanien und Frankreich beenden sollte, dieses reiches Stück Kataloniens an Frankreich abgetreten hat, ohne dafür die Zustimmung der damaligen Institutionen zu haben oder gar zu suchen. Diese Abtretung war von den damaligen spanischen Regierenden auch als Strafe für die Katalanen gedacht, weil diese seit 1640 sich gegen Spanien erhoben hatten, um ihre politische Rechte zu verteidigen und seitdem, mal allein mal mit französischer Hilfe, jahrelang den ungleichen Kampf fortgesetzt hatten.

Der lange immer wieder aufflammende Widerstand der Bevölkerung Roussillons gegen diese Annexion an Frankreich wurde, nach der französischen Revolution von 1789, endgültig und blutig niedergeschlagen. Seitdem sind die Nordkatalanen treue Bürger Frankreichs, ohne ganz ihre katalanischen Wurzeln zu vergessen. Deswegen bedeutet die Bezeichnung „Nordkatalonien“ keinen Ewiggestrigen territorialen  Anspruch, sondern lediglich die Konstatierung der kulturellen Zusammengehörigkeit. Und die Nordkatalanen haben diese Zusammengehörigkeit mit ihrer Hilfe zu dem katalanischen Referendum von 2017 bewiesen. Ohne sie, hätten die notwehdigen Urnen für die Abstimmung nicht nach Katalonien gebracht werden können. Und jetzt ist es auch ihrer massiver Unterstützung, welche die Meisterung der großen logistischen Herausforderung der Kundgebung in Perpignan möglich gemacht hat. In einer Stadt mit 120.000 Einwohnern ist nicht leicht mit einem mal das Kommen von 500 Bussen, 300 Pkw-Karawanen, die Reisende von mehreren Eisenbahnzügen (und die der anderen Ortschaften in Roussillon, die auch die Exilpolitiker hören wollten) zu bewältigen. Das einmal geklärt, nun zu der Kundgebung dessen große Bedeutung erst nach und nach begriffen werden wird.

Der Journalist Jordi Barbeta schreibt in „El Nacional.cat“ mit nüchterne Klarheit: „Es ist einerlei ob da 100.000 oder 200.000 waren… Es ist schwer sich irgendeiner anderer politischer Bewegung in Europa vorzustellen, die fähig wäre so viel Leute zu mobilisieren, die bereit wären so viele Schwierigkeiten zu überwinden, und weit weg von zu Hause zu reisen, um ihre kollektive Existenz zu zeigen…“ Und gegen Ende des Artikels stellt er fest:  „…Es ist wahrscheinlich, dass sich die Politik in Katalonien sich umdrehen wird. Bis jetzt hat sich die Gesellschaft nach den Dirigenten der Parteien gerichtet, aber alles lässt denken, dass ab jetzt die Parteien -welche weiter existieren wollen- sein werden, die sich an die neuen Anforderungen der Bevölkerung anpassen werden müssen, und das bedeutet eine Metamorphose von jetzt noch nicht vorhersehbaren Folgen“. ( https://www.elnacional.cat/ca/opinio/jordi-barbeta-puigdemont-perpinya-marquen-abans-després_474999_102.html  )

Wie viele Leute da waren ist natürlich (wie in allen Ereignissen dieser Art) umstritten. Die Präfektur des Departements redet von 100.000 innerhalb des Stadions, wo die Kundgebung stattfand, die Organisatoren von mehr als 200.000 insgesamt, da viele nicht mehr im proppenvollen Stadion Platz fanden und alles aus der Umgebung verfolgen mussten. Und sogar 100 Busse (von der mehr als 500 die aus Katalonien kamen) konnten nicht mal bis Perpignan fahren wegen Staus an der Autobahn. Auf jeden Fall, wie Barbeta sagt, ist letzten Endes einerlei wie viele Menschen zwischen 100 und 200 Tausend es waren, die die Kundgebung zu einem  großen Erfolg haben lassen werden. Die Menschenmenge  mit Unabhängigkeitsfahnen, die bei den Reden Beifall klatschte und am Ende die katalanische Nationalhymne sangen, waren sowieso ein klarer beweis, dass alle Tricks uns alle Lügen der spanischen Politik nicht erreicht haben, die exilierten und die gefangenen katalanischen Politiker vor den Katalanen zu diskreditieren. Ganz im Gegenteil ist ihre moralische Autorität noch gestiegen. Ihre wichtigsten Aussagen bei der Kundgebung und deren möglichen Folgen lasse ich lieber für den nächsten Artikel, um diesen nicht ins uferlose wachsen zu lassen.

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