Und sie bewegt sich doch…

Die spanische Politik und die zahlreichen spanischen Ultranationalisten hatten gehofft, dass dieses Jahr die Demonstration zum katalanischen Nationalfeiertag die endgültige Niederlage der Unabhängigkeitsbewegung beweisen würde. Und wieder mal sind sie enttäuscht worden. Zum neunten Mal hintereinander seit 2012. Gewiss, dieses Jahr haben „nur“ etwa 600.000 an der Demo teilgenommen, während in den meisten anderen Jahren sich über 1 Million versammelt hatten. Das aber war keine ängstliche Reaktion auf die spanische Repression, sondern ein Zeichen des Protestes gegen die Uneinigkeit der katalanischen Politiker, die die Geduld der Bevölkerung schon erschöpft haben.

Die Kundgebung wurde wie jedes Jahr sorgfältig vorbereitet. Darüber informieren akkurat diese Artikel:

https://www.heise.de/tp/features/Einheitsbestrebungen-vor-heissem-Herbst-in-Katalonien-4517530.html

https://www.elnacional.cat/en/news/plans/catalan/nacional-day-independence-protest_413668_102.html

Drei Tage vor der neuen massiven Demo in Barcelona hatten die neun katalanischen politischen Gefangenen und die sieben Politiker im Exil in einem gemeinsamen Brief an der katalanische Bevölkerung zur Beteiligung an der Demo aufgerufen. Unter anderem schrieben sie:

„…Bevor das Urteil des Obergerichtshofs bekannt wird und während die Repression gegen die zivil-, politischen- und Menschenrechte fortdauert, sind wir überzeugt, dass es uns gelingen wird, aus der Demonstration der Diada einen Ruf der Ausdauer und der Hoffnung auf die Zukunft zu machen… Es sind alle willkommen, niemand wird davon ausgeschlossen… Die katalanische Gesellschaft lehnt die Repression ab und möchte ihre Zukunft in Freiheit entscheiden. Und sie wird nicht gleichgültig bleiben. Weil dieser demokratischer Rückschritt über die Unabhängigkeitsbewegung hinaus geht und die ganze Bevölkerung betrifft, und ins besonderem jede politische oder soziale Bewegung, die ihre Grundrechte frei ausüben möchte…

…[Wie reden zu Euch] in Ruhe, die uns zu wissen gibt, dass wir alles zusammen tun, und das wir nie irgendjemanden auf dem Weg zurücklassen werden, Das sind die Bedingungen, die uns die volle Freiheit aller Bürger dieses Landes  bringen werden, unabhängig davon, wo sie geboren seien, woher sie kommen und was sie auch immer denken…“

Am Tag davor, am 10.09, hat der exekutive katalanische Präsident Quim Torra auch zur Teilnahme aufgerufen. Die wichtigsten Teilen seiner rede, hat Prof. Dr. Axel Schönberger in diesem Artikel zitiert: https://www.change.org/p/12429466/u/25055444

In Wirklichkeit, die ca. 400.000 weniger Demonstranten in diesem Jahr, sollten für den spanischen Nationalismus nicht ein Grund zur Genugtuung sein sondern eher ein Grund zur ernster Besorgnis. Weil die Menschen, die diesmal zu Hause geblieben sind, sind nicht der Demo ferngeblieben, weil sie sich schon als Besiegte fühlen, sondern eher weil sie diese Demo schon als ungenügendes Mittel betrachten und an einen Schritt weiter denken. Und ein Zeichen davon wurde nach der Demo sichtbar. Als um 18 Uhr die Kundgebung zu Ende ging, wurden von den zwei Türmen, welche den Eingang zum Messegelände in Barcelona bilden -unmittelbar beim Spanienplatz, die das Zentrum der Demo war- zwei riesige Transparente abgerollt, in welche die neue noch ziemlich unbekannte Gruppierung „#Demokratischer Tsunami“ dazu aufforderte, sich für wirksame Proteste gegen die erwarteten harten Urteile in dem Madrider Skandalprozess zu organisieren. „Demokratischer Tsunami“ scheint das gemeinsame Werkzeug der zahlreichen „Komitees zur Verteidigung der Republik“ (CDR) zu sein, die in ganz Katalonien sich auf den zivilen, friedlichen Widerstand vorbereiten.

Nein. Diese Demo am 11.09.19 ist kein Zeichen des Nachlassens, sondern eines der Einleitung einer neuen Phase des Konfliktes. Eine Phase, die den spanischen Nationalismus noch Alpträume verursachen wird, und die Europa bereuen lassen wird, sich nicht früher „eingemischt“ zu haben, nicht früher darauf gepocht haben, dass Spanien in Katalonien die fundamentalen rechte der Demokratie respektiere. Weil die katalanische Unabhängigkeitsbewegung nicht mehr aufzuhalten ist. Und sie bewegt sich doch!

 

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