Verspätete Antworten

Liebe geschätzte Leser: Ich muss mich reuig bei einigen von Ihnen entschuldigen. Wegen gesundheitlicher und familiärer Sorgen habe ich seit ein paar Monaten Ihre Kommentare nicht beantwortet wie es sich gehört. Ich werde versuchen mein Versäumnis, wenigstens bei zwei davon, hier etwas ausführlich nachzuholen.

Der Student David Ferrer fragte im Mai, ob die katalanische Unabhängigkeitsbewegung nationalistisch ist oder nicht, und ob Europa in der Zukunft mehr nationalistische oder antinationalistische Tendenzen erleben werde.

Sehr geehrter Herr Ferrer: um Ihre Frage zu beantworten, müssen wir uns zunächst über die Bedeutung des Begriffes  „Nationalismus“ einigen. In Europa im allgemeinen, und besonders  in Deutschland, wird „Nationalismus“ sehr negativ eingestuft, weil man es mit den fremdenfeindlichen Exzesse der faschistischen und kommunistischen Diktaturen gleichsetzt. Wir Katalanen, durch lange und bittere Erfahrungen, haben lernen müssen, zwischen einem „aggressiven“ und einem „defensiven“ Nationalismus zu unterscheiden, wobei die erste Sorte immer nur als Antwort gegen die vorhandene erste entsteht. Dementsprechend ist die richtige Antwort auf Ihre Frage. ja, die katalanische Unabhängigkeitsbewegung ist „defensiv nationalistisch so wie es Mandela,  Gandhi, de Valera, Lumumba und andere ähnliche historische Figuren  waren.

Während der aggressive Nationalismus andere Völker auf vielerlei Arten unterdrückt -mal offen, mal heimtückisch-, verfolgt der defensive Nationalismus nur das Ziel, die Folgen dieser Unterdrückung zu bekämpfen, aber nicht mit gleicher Münze zurückzuschlagen. Im Fall Kataloniens, nennt der spanische Nationalismus  (der verneint das selber zu sein) jene Katalanen üble Nationalisten welche sich nur gegen die allmähliche kulturelle und finanzielle Erwürgung ihres Landes auflehnen, und durch die Politik der spanischen Zentralregierungen keinen anderen Weg zu haben meinen, als sich von Spanien zu trennen, und dann als gleichberechtigte Partner mit Spanien in Zukunft eine für beiden Seiten fruchtbare Zusammenarbeit  zu erreichen.

Fremdenfeindlichkeit gibt es auch in Katalonien (wie überall, leider), aber nur bei einer sehr kleinen Minderheit. Katalonien ist seit eh und je ein Schmelztiegel der vielen Völker, die im Laufe der Jahrhunderte durch das Land gezogen oder geblieben sind, und es ist immer gelungen, das Zusammenleben aller harmonisch und friedlich zu gestalten.

Unser legitime Präsident Carles Puigdemont war vor einigen Monaten eingeladen worden in Hamburg die Fragen der interessierten Zuhörer zu beantworten und als jemand gefragt hat, ob er ein Nationalist wäre, hat er auf die oben erwähnte Differenzierung des Begriffes Nationalismus hingewiesen, und hat dazu gesagt, dass der Einheitsanspruch der traditionellen Nationalstaaten etwas obsoletes wäre, und die Zukunft der Anerkennung der Diversität und der Gleichberechtigung aller Völker und Kulturen gehörte, mit allen friedlichen Änderungen, dass das in Europa bringen könnte.

Die Antwort  zu dem zweiten teil Ihrer Frage kann -meiner Meinung nach- deswegen nur lauten: in der Zukunft, wo auch immer in Europa eine Bevölkerungsgruppe sich unterdrückt, ungerecht behandelt oder herabgesetzt fühlt, und sie alle Türen zu einer demokratischen und friedlichen Lösung ihrer Problemen versperrt sieht, (und das kann vielleicht -aber nicht nur- im Balkanraum geschehen) wird bestimmt eine Bewegung entstehen, die dagegen kämpft. Ob man dies „nationalistisch“  (weil sie sich trennen will) oder „antinationalistisch“ (weil sich gegen der Nationalismus wehren will, dass sie unterdrückt), wird eine Frage der Definition sein.

Ich würde mich freuen, wenn meine Antwort, trotz der Verspätung, für Sie noch von Nutzen sein könnte.

Ein anonymer Herr „R“ (der immer meine Artikeln und Meinungen furchtbar findet) hatte im März geschrieben, dass die „indepes“, also die Unabhängigkeitsbefürworter, „irgendwann werden noch merken, dass sie von [ihren Präsidenten] Pujol bis Puigdemont und Torra verarscht werden“, und dass „bei den Separatistenpolitiker sogar welche dabei sind, die ‚den Scheiss‘  selber glauben“.

Jedem das seine, Herr „R“. Für Millionen von Katalanen, ist „der Scheiss“ die brutale Beschneidung der verfassungsmäßigen  katalanischen Autonomie, die weitere Ausbeutung der katalanischen Wirtschaft und die immer wiederkehrenden Versuche, die katalanische Sprache wieder zurückzudrängen und sie zu einem folkloristischen, unbedeutenden Überbleibsel zu reduzieren. Und zu allen, die immer noch zweifeln, dass diese die Gefühle der Mehrheit in Katalonien ist, kann man nur sagen. die spanische Machthaber wissen sehr genau, dass in einem freien Referendum die Unabhängigkeit Kataloniens eine sehr klare Mehrheit bekommen würde, ganz gleich, was einige Umfragen aussagen möchten. Und deswegen, und nur deswegen, weigert sich der spanische Nationalismus so eine freie Volksbefragung zu erlauben und hat (und tut es weiter)  sowohl die Verantwortlichen des Referendums von Oktober 2017 wie auch viele andere Unabhängigkeitsbefürworter rachsüchtig verfolgt und willkürlich bestraft. Das ist der unerträgliche „Scheiss“ und nichts anderes.

2 Kommentare

    • Pere Grau Rovira

      Keine Unterschrift? Sie können lachen soviel wie sie wollen, Aber der Geist des Handelns dieser Männer ist (bei allen Unterschiede, die man denken kann ist derselbe: sich gegen Unrecht aufzulehnen und der eigene Zukunft selbst bestimmen zu wollen.

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