Wenn der Unsinn alltägliches Brot wird (I)

Mai 2016.  [wie alle bisherigen Artikel in diesem Blog, ist dieser in die deutsche Zeitung ARENA -der in der Costa Brava herausgegeben wird- erschienen ]  Lieber deutscher Leser, was ich in diesem und im nächsten Artikel schreiben werde, wird Sie möglicherweise zu der Meinung verleiten, dass ich maßlos übertreibe und, dass die von mir aufgeführten Zitaten von spanischen Politikern und Intellektuellen wahrscheinlich  das Ergebnis der Verblendung einer sehr kleine Minderheit sind. Leider ist es nicht so. Die Ungeheuerlichkeiten, die viele Spaniern von sich geben, wenn sie über Katalonien reden, sind für einen normalen europäischen Demokraten unverständlich. Bei mir zu Hause habe ich selber diese Erfahrung mit meiner Frau gemacht, einer Hamburgerin die genau so intelligent und demokratisch ist wie Sie, der jetzt diese Linien lesen wird. Wie oft hat sie nach der Lektüre von solchen Sätze den Kopf geschüttelt und gesagt: „Aber in welcher Welt leben diese Leute? Wie kann man so verbohrt sein?“

Ich werde also an meinen liebenswürdigen Leser einiges von diesem Unsinn und diesen Dummheiten weiterreichen, und es mit der täglich erlebten Wirklichkeit in Katalonien vergleichen. Ein neulich erschienenes Buch hat mir diese Arbeit erleichtert. Es handelt sich um „Herois indepes„, von Andreu González und Jordi Calvís (Verlag: Editorial Cossetània 2016), die eine ganze Menge von solchen Zitaten gesammelt haben. Der ironische Titel „Helden der Unabhängigkeit“ weisst darauf hin, dass alles, was diese Leute von sich gegeben haben, nur der Drang der Katalanen, sich von Spanien zu trennen, noch verstärkt hat. Aus der Sammlung  werde ich ca. 20 Zitate verwenden. Mehr als das könnte ich selber nicht verdauen…

Die häufigsten Themen dieser Ungeheuerlichkeiten sind 1) der Vergleich der katalanische Unabhängigkeitsbewegung mit dem Hitlernazismus, 2) die Behauptung, dass es sich um einen ethnischen und fremdenfeindlichen Nationalismus handelt, der den Hass fordert, und 3) die Drohung mit Waffengewalt. Vier Zitate, zum Beispiel;

„Mann kann nicht gleichzeitig für das Selbstbestimmungsrecht und Demokrat sein“ (Javier Cercas, erfolgreicher Romanschreiber)

„Der katalanische Nationalismus hat ethnische Politiken hervorgebracht. Man hat uns alle in Hutus und Tutsis verwandelt“ (Félix Pérez Romera, Anthropologe und einer der Gründer von der antikatalanischen Partei „Ciudadanos“)

„Die Freiheit, die man heute in dem nationalistische Katalonien erlebt, ist sehr ähnlich zu der in Deutschland 1933, nämlich gar keine“ (Jaime Berenguer, Psychologe, Mitglied der antikatalanischen Partei UPyD)

„Katalonien wird nicht aufhören zu Spanien zu gehören! Oder sind Sie bereit für blutige Schlachten?“ (Manuel Fernández-Monzón, pensionierten Armeegeneral, früherer Chef der Polizei in Madrid).

Wundern Sie sich nicht wenn ich behaupte, dass diese Zitate nicht mal die schlimmsten sind. Alle haben aber etwas gemein: eine erschreckende Ignoranz von der Wirklichkeit des Lebens in Katalonien, von dem problemlosen Miteinander von Spanisch- und Katalanisch sprechenden und davon,  dass die katalanische Mentalität (Produkt einer Einwanderung aus vielen verschiedenen Gegenden seit tausend Jahren) nichts ferner liegt als die Fremdenfeindlichkeit oder der Hass auf irgendjemand aus dem Grund, dass er oder sie zu einer bestimmten menschlichen Gruppe gehört. Außerdem ist der Vergleich der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung mit Hitlers Nationalsozialismus eine Beleidigung für den Opfern des nazistischen Irrsinns und eine unerträgliche Trivialisierung des „Tausendjährigen Reiches“. Das hat aber viel damit zu tun, dass viele der Merkmale des Franco-Regimes sich über die Zeiten erhalten haben. Dazu zählt die totale Zurückweisung der Idee, dass Spanien ein Staat sei wo mehrere Völker neben den kastilischen-spanischen leben. Diese Haltung hat eine Verständigung aller unmöglich gemacht, die sonst sehr wohl möglich gewesen wäre.

Als Schlusspunkt für heute und bis zum nächsten Artikel noch ein paar saftige Zitate:

„Es gibt Leute welche die Unabhängigkeit wollen, genau wie es solche gibt, die die Todesstrafe legalisieren möchte“ (Rosa Díez, Vorsitzende von UPyD)

„Die Mehrheit der katalanischen Separatisten sind Homosexuelle, Drogenabhängige und Leute mit schlechten Leumund“ (Gerard Bellalta, Vorsitzender der ultrarechten Splitterpartei „Spanischer Partei Kataloniens“. Bellalta war früher in der fremdenfeindlichen Partei „Plattform für Katalonien“, aber er verließ sie, weil er meinte sie wäre „zu lasch“ geworden).

„Kennedy schickte die Nationalgarde nach Alabama und hat die Ordnung wiederhergestellt. Ein Beispiel, glauben wir, das für Katalonien sofort verwendet werden sollte“ („Spanischer Militärverein“)

„Ein Selbstbestimmungsreferendum ist dasselbe wie eine Gemeindeumfrage um über  die Ausweisung von Muslime zu entscheiden. Es wird von dem Gesetz verboten“ (Esperanza Aguirre, Spitzenpolitikerin der Volkspartei von Ministerpräsident Rajoy)

Hübsch, nicht wahr? Fortsetzung folgt.

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