Die unendliche Geschichte

In den drei Jahren, seit der Entstehung dieser Webseite, habe ich all zu oft die vorurteilsvolle Parteilichkeit eines großen Teiles der deutscher Berichterstattung über Katalonien beklagen müssen. Es ist wahrlich eine „unendliche Geschichte“. Jetzt ist wieder ein solch ärgerlicher Fall eingetreten. In einem Artikel (erschienen  in der Neuer  Zürcher Zeitung am 19.06.2019) häufen sich die Irrtümer und Verdrehungen in solcher Zahl:

( https://www.nzz.ch/meinung/spanien.braucht.dringend-neuen-mut-ld.1489714 ) dass ich an die NZZ folgenden Brief geschrieben habe:

An der Redaktion der NZZ.

Sehr geehrte Damen und Herren :

Es ist kein Wunder, dass Herr Wysling einen so unmöglichen Artikel geschrieben hat, wenn man die Liste seiner Quellen liest (La Vanguardia, El País, El Periodico, etc.). Alles Medien, welche die Standpunkte Madrids gegen Katalonien unbesehen und hundertprozentig vertreten. Eine angemessene Antwort würde zu lang ausfallen. Deswegen nur stichwortartig einige Bemerkungen über die wichtigsten Punkte.

Als ein Zeichen spanischen Fortschritts nennt Herr Wysling die Hochgeschwindigkeitszüge. Dazu hätte er auch erzählen müssen, dass die hochnotwendige Schnelltrasse für Warentransporte entlang der Mittelmeerküste, von Murcia bis zur französische Grenze (einer der vordringlichen Projekten der EU), von Madrid blockiert wird, während in Zentral Spanien viele der gebauten Hochgeschwindigkeitstrassen unrentabel sind, und die Züge mit gähnender Leere fahren.

Der Autor wiederholt die irrtümliche These, dass „die Separatisten den konservativen Kräften eine Steilvorlage geliefert haben“, durch das „illegaler Unabhängigkeitsplebiszit“. Erstens: umgekehrt wird ein Schuh daraus: es waren die Schikanen durch den spanischen Ultranationalismus, welche der Unabhängigkeitsbewegung Antrieb gab. Die Zertrümmerung des Autonomiestatuts von 2006 war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und der Bewegung ihrer kometenhaften Aufstieg verschaffte. Ich würde auch gerne wissen wieso Herr Wysling jenes Statut „untauglich“ nennt. Das wurde durch den katalanischen und spanischen Parlamente ratifiziert, vom König Unterschrieben und in Kraft gesetzt. Wenn das so untauglich gewesen wäre hätte es diese Hürden nicht überwunden.

Zweitens, war das Referendum nicht illegal, auch wenn das (leider sehr parteiische) spanische Verfassungsgericht durch die bewusste Ignoranz von Artikeln 10.2 und 96 der Verfassung so urteilte. Warum das Referendum doch legal war, können Sie hier lesen: http://blicktpunktkatalonien.com/warum-das-katalanisches-unabhaenggigkeitsreferendum-legal-war-von-prof-axel-schoenberger/

Wenn Spanien anderer Meinung war, hätte es mit der UNO klären müssen, bevor das ganze Schlamassel seinen Lauf nahm.

Deswegen ist auch aberwitzig, dass der Autor die Argumente des spanischen Ultranationalismus (von links und von rechts) wiederholt: dass „unter Ausschaltung aller demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln“ die Verfassungsordnung bedroht wurde und dass „dieses Manöver mit Demokratie nichts zu tun hatte“. Wie kann ein Referendum „nichts mit Demokratie“ zu tun haben, wenn es gerade ein Urwerkzeug davon ist?

Und am 1.10.2017 gab es keine „Pseudoabstimmung“. Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten gab ihre Stimme ab. Fast 3 Millionen. Davon konnten aber nur ca. 2,1 Millionen gezählt werden, weil die Urnen mit dem Rest von der Polizei konfisziert wurden. Und das hatte wirklich mit Demokratie wenig zu tun.

Es ist auch eine Mär, dass die Hälfte der katalanischen Bevölkerung gegen die Unabhängigkeit ist. Die verlässlicheren Umfragen geben einen anderen Bild davon. 48 % dafür, 32 % dagegen und 20 % Gleichgültige, die sich enthalten würden. Also 48 % der Katalanen würde für die Unabhängigkeit stimmen, während es nur 38 % der Briten für den Brexit getan haben. Warum sollte die erste Zahl „ungenügend“ sein, wenn die zweite von allen akzeptiert wurde?

Wenn Präsident Torra vom „slowenischen Weg“ sprach, meinte er die unilaterale Entscheidung der Slowenen, mit überwältigende Mehrheit, die Unabhängigkeit auszurufen. Wenn es nachher Krieg gab, war es, weil die Serben anstatt Verhandlungen zu akzeptieren ihre Panzer rollen ließen. Die Slowenen wünschten so wenig ein Krieg  wie jetzt die Katalanen. Das die spanische Politik und die spanische Medien die Worte von Torra verdrehen war keine Überraschung. Das Ihr Autor das wiederholt ist nur Ignoranz.

Es tut weh, in einer der besten Zeitungen Europas, so viel Unsinn lesen zu müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Es erübrigen sich weitere Kommentare. Aber man kann ein Seufzer nicht vermeiden, über die Unausrottbarkeit vielen vorgefassten Meinungen, egal wie verkehrt sie sein mögen.

6 Kommentare

  1. Wolfgang

    Wenn ca 50% Wähler für einen Weg sind, gibt das diesem Teil der Bevölkerung nicht das Recht, substanzielle Lebenswege der anderen Hälfte bestimmen zu wollen. Für Entscheidungen dieser Tragweite ist ein mind. 2/3 Votum nötig. Auch wenn man das in Katalonien und Grossbritannien möglicherweise anders sieht. Früher wäre so etwas der Anlass zum Bürgerkrieg gewesen. Die katalanischen Separationsfanatiker haben da schon eine sehr eigenwillige Ansicht. Ähnelt das etwa ETA, Iren Korsen ????.

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    • Pere Grau Rovira

      Sehr geehrter Wolfgang,
      Es gibt eine sehr erleuchtende Umfrage der renommierter Meinungsforschungsinstitut CEO: 48 % sind für die Unabhängigkeit, 32 % dagegen und 20 % gleichgültiger (die würden sich der Stimme enthalten) Es bleibt aber dabei, dass 80 % ein Referendum darüber möchten. Überall in der Welt wären diese Zahlen genug um eine friedliche Lösung zu erreichen. Warum nicht in Spanien?

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  2. matatiso

    Vielen Dank Pere für deine Beiträge zur Richtigstellung der tendenziösen Artikel die in internationalen deutschsprachigen Medien erscheinen und damit sehr grossen Schaden durch Verzerrung der katalanischen Realität in der öffentlichen Meinung verursachen.

    Nur wer den Hintergrund der derzeitigen Situation in Katalonien, und die machenschaften des spanischen Staates weitgehend kennt, sollte in den Medien sorgfältig ausgewählte Argumente und auf Fakten beruhende Tatsachen veröffentlichen.

    Visca Catalunya lliure.

    Gefällt 3 Personen

    • Pere Grau Rovira

      Danke. Zur Zeit scheint es leider die spanische Repressionstaktik aufzugehen. Deswegen wird mein nächster Artikel erst erscheinen, nachdem klar steht ob die katalanischen Abgeordneten im spanischen Parlament eine neue spanische Regierung ermöglicht oder verhindert haben. Das ist ein sehr wichtiger Faktor für die weitere Entwicklung des Konfliktes.

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