Risikolügen zuhauf

Am 12. Februar werden die politischen Prozesse gegen mehrere katalanische Hauptfiguren der Unabhängigkeitsbewegung anfangen, neun davon nach fast oder mehr als einem Jahr im Untersuchungsgefängnis, das auch als Gesinnungsgefängnis begriffen werden kann. Transportiert als Schwerkriminelle sind die Angeklagten schon wieder in Gefängnisse um Madrid gebracht worden. Diese Prozesse werden höchstwahrscheinlich der Zünder für eine neue Etappe des katalanischen Kampfes für das Recht auf Selbstbestimmung und überhaupt für die Einhaltung von grundsätzlichen Menschenrechten, die jetzt vom spanischen Staat dauernd verletzt werden. Und wenn ich schreibe „Zünder“ und „Kampf“ ist es keineswegs, weil ich an Gewaltanwendung denken würde. Trotz der häufigen spanischen Bemühungen zur Gewalt anzustacheln wird der demokratische Kampf der Katalanen weiter friedlich sein. In dieser Hinsicht sind Mahatma Gandhi und Martin Luther King die leuchtenden Beispiele für den katalanischen Kampf. Darüber wird viel zu berichten sein in den nächsten Wochen. Heute nur so viel: der spanische Obergerichtshof hat die Anwesenheit internationaler Beobachter im Gerichtssaal abgelehnt, mit der Ausrede, dass der Prozess sowieso „life“ im Fernsehen übertragen wird. Als ob Fernsehkameras, die sowieso selektiv aufnehmen, die persönliche Beobachtung ersetzen könnten. Beides, die Ablehnung von Beobachtern und die Fernsehübertragung widersprechen den normalen Gebräuchen der Justiz in einer Demokratie und verstärken den Eindruck eines Schauspektakels, dessen Ergebnis von vornherein entschieden ist.

In der Zwischenzeit gibt es manches zu erzählen über die systemische Wahrheitsverdrehungen der spanischen Politik und Justiz. Aber bevor ich in der Zukunft ab und zu auf sehr konkrete Fälle von schnell entlarvten spanischen Lügen hinweise, möchte ich heute hier einen Artikel wiedergeben, in dem gnadenlos das Ausmaß der spanischen Lügen aufgezählt wird. Der Autor, Prof. Alfons Duran Pich, ist ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmer und Publizist von tadellosem Ruf. Seine Webseite http://www.alfdurancorner.com , die er auf spanisch schreibt, betitelt er „Kritische Analysen über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ und hat hunderttausenden Leser. Der Titel des Artikels heißt „Risikolügen“ („Mentiras arriesgadas“) und als Motto zitiert er Mark Twain: „Wenn Du die Wahrheit sagst, brauchst Du dich an nichts zu erinnern“. Hier ,leicht gekürzt, der Text von Prof. Duran:

„Es gibt viele Arten von Lügen, aber alle haben eine Gemeinsamkeit : sie sind nicht wahr […] Es gibt auch Risikolügen. Der spanischer Staat als politisches Subjekt schafft seit langem die objektiven Bedingungen dafür, dass seine Agenten mit einem Haufen von „Risikolügen“ schießen, Lügen, die sich häufen und das Profil eines schurkischen, lügnerischen Staates zeichnen, der sich in autoritärer Form behauptet.

Es gibt keinen Tag ohne prahlerische Drohungen dieser hiperaktiven Bande. Und niemand, der bei gesunden Sinnen ist, kann solche falsche „Wahrheiten“ glauben.

-Es ist eine Lüge zu sagen, dass in Katalonien die spanischsprechende Bevölkerung diskriminiert wird. Die Diskriminierung funktioniert umgekehrt (zu Lasten der Katalanisch sprechenden) in bestimmten Kreisen (Justiz, Militär, etc. )

-Es ist eine Lüge zu sagen, dass die Unabhängigkeitsanhänger bei ihren Mitbürgern zwischen gute und schlechte Katalanen unterscheiden. Die Lügner verwechseln die administrativen Fakten mit dem politischen Willen. Es gibt Katalanen und Spanier, die in Katalonien leben, egal wo sie geboren sind. Und sowohl die einen wie die anderen sind es, weil sie es sein wollen. Gut und böse sind moralische Kategorien und sind zufällig verteilt.

-Es ist eine Lüge zu sagen, dass es in Katalonien den versuch eines Staatsstreiches gab. Es gab den misslungenen Versuch den Auftrag der Wahlurnen auszuführen dessen Ergebnis es war, das Unabhängigkeitsprojekt der Mehrheit eines demokratisch gewählten Parlaments zu unterstützen. Wo es doch einen Staatsstreich gab – der noch weiter wirkt- war bei der zentralen exekutiven Gewalt, der sich der Judikativen bediente, ohne die Gewaltenteilung zu respektieren.

-Es ist eine Lüge zu sagen, dass die polizeiliche Gewalt gegen den katalanischen Bürgern, die am 1. Oktober 2017 an die Wahlurnen gingen, nur geringe Schäden an wenigen Menschen verursachte. Glücklicherweise haben die Informationstechnologien sichtbare Beweise dieser Brutalität gelassen (welche die ganze Welt sehen konnte) und in den Dokumentenarchiven der ärztlichen Hilfezentren wurden mehr als eintausend  Fälle physischer Schäden belegt [darüber mehr in einem nächsten Artikel]. Das Gegenteil zu sagen ist nicht nur eine Lüge sondern auch eine Schande.

Es ist eine Lüge zu sagen, dass die Unabhängigkeit einseitig zu erreichen, nicht demokratisch ist. Die Einseitigkeit ist die Option die bleibt, wenn die andere Seite, in diesem fall der spanische Staat, sich weigert, das von den Wahlurnen erteilte Mandat anzuerkennen, das die Proklamierung der Unabhängigkeit und ihre Ratifizierung durch Referendum verlangt. Jeder Unabhängigkeitsprozess wird aus dem Volkswillen geboren, aus dem Regieren durch das Volk. Was nicht demokratisch ist, ist es eben dieser Wille gewaltsam zu verhindern.

Es ist eine Lüge zu sagen, dass die katalanischen Unabhängigkeitsanhänger „Spanien zerbrechen wollen“. Hier zerbricht kein Mensch irgendwas- Man will einfach davon weg. Die Gründe sind vielfältig. Manche mögen einfach ihre Nachbarn nicht. Andere wollen nicht, dass ihre Mittel von außerhalb verwaltet werden, anderen noch leiden daran, dass ihre Sprache und Kultur geringgeschätzt werden.

-Es ist eine Lüge zu sagen: „die Souveränität beruht auf dem spanischen Volk“. Dieser Satz ist bloße Rhetorik und bedeutet gar nichts. Der kern des Begriffes  „souverän“ beruht auf dem Eigentum und deswegen auch auf der Macht. In einem auitoritären Staat wie der spanische ist die einzige Souveränität die, die vom „tiefen Staat“ ausgeübt wird, die saugenden Kräfte, die von dem Reichtum leben, der von dem Rest der Bevölkerung geschaffen wird.

-Es ist eine Lüge zu sagen, dass dank der Einwanderung spanischen Ursprungs Katalonien das hohe wirtschaftliche Niveau erreicht hat, das es heute hat. Die spanischsprechende Migranten verließen ihre Heimat, weil die faktischen Mächte jener Territorien sich nie darum gekümmert hatten, produktive Investitionen zu tätigen, welche die Lebensbedingungen der Bevölkerung  hätten verbessern können. In Katalonien fanden diese Einwanderer ein Bürgertum, dessen Eltern und Großeltern  die industrielle Revolution doch gemacht hatten und einen innovativen und unternehmerischen geist besaßen . Und vor allen Dingen fanden sie katalanische Lebensformen, in denen die gut gemachte Arbeit, die Anstrengung, die Disziplin und die Einbildungskraft wirtschaftlich belohnt wurden, wie es gerecht war. Das hatte nicht zu tun mit der Kultur des Müßiggangs und der Subventionierung in ihrer Heimatorten. Und das Zusammenleben funktionierte trotz der spanischen Vorbehalte und Manipulierungen.

-Es ist eine Lüge immer wieder zu sagen, dass die katalanischen Unabhängigkeitsanhänger Nazis sind. Es ist eine Lüge, weil es eine krasse Ignoranz zeigt über das was in Katalonien geschieht wo der Pazifismus (und nicht die Gewalt) […] eine Konstante seit langem ist. Und es ist auch eine, weil es eine totale Unkenntnis der lebenden Geschichte des Nationalsozialismus zeigt. Die Rückstände des deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus können gefunden werden, wenn man es danach sucht, nicht in Katalonien sondern in einem beträchtlichem Teil des jetzigen spanischen Staates, das Erbe des Franco Regimes.

-Es ist eine Lüge zu sagen, dass die Katalanen sich als überlegend betrachten […] Die Katalanen stehen weder über noch unter als andere. Sie sind Katalanen und sonst nichts. Die sind es, weil sie es sein wollen, genau wie man annehmen soll, dass Kastilier, Basken oder Galizier das auch tun. Und wie jedes Volk eine andere Kultur generiert und ihre Bürger Anschauungen, Ideen, Sprache und Gewohnheiten miteinander teilen, die sie von dem Rest unterscheiden. Die sind weder Über- noch Unterlegen, sie sind einfach anders als andere.

Man kann nicht schamlos lügend durch das Leben gehen, ohne in Betracht zu ziehen, dass über kurz oder lang man das Unkraut erntet, das man gesät hat. Diese Gifternte ist die informative Grundnahrung eines großen teils der spanischen Bevölkerung welche, ungeübt in kritischer Analyse, unbewusst in ein er schmutzigen Welt moralischer Korruption reingeschlittert ist […]

Einige Leser werden möglicherweise diese Sätze von prof. Duran als übertrieben oder sogar tendenziös finden. Das kommt davon, wie ich schon mal bemerkt habe, dass das Ausmaß der Handlungen des spanischen Ultranationalismus für einen normalen deutschen Demokraten so unverständlich wie unbegreiflich ist. Die ganzen Behauptungen, die Prof. Duran als Lügen anprangert, werden nicht einzeln und sporadisch ausgesprochen, sondern massiv und fast tagtäglich von Politikern, Juristen und Journalisten benutzt und von den meisten uninformierten Spaniern geglaubt. Goebbels lässt grüßen…

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4 Kommentare

  1. Jacobo Brenner

    Lieber Pere, Sie und die katalanischen Separatisten sollten sich schämen! Wie kann man solche tolle Menschen wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King mit dem katalanischen Separatismus vergleichen!! Sie sind ein Demagoge und ein Geschichtsverzerrer!! Weder wird das katalanische Volk verfolgt noch unterdrückt!!! Und Sie sprechen im Namen von über 50% der Katalanen die nicht Separatisten sind und nicht denken wie die Separatisten. Sie sollten sich schämen für solche Äusserungen und Vergleiche!! Eine Schande dies mit Martin Luther King und Mahatma Gandhi zu vergleichen!!! Sie werden verlieren, da Ihr Referendum VERFASSUNGSWIDRIG ist in Spanien, in Frankreich, in Deutschland usw….!!! Vergessen Sie Ihre Unabhängigkeit!!! Ich freue mich auf das Urteil gegen die GOLPISTAS!!! Meinen Sie wirklich, dass ganz Spanien zusehen wird, wie knapp 2 Mill über die Zukunft eines ganzes Landes entscheiden wird? Mucha suerte , Pere!!!

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