Eine kurze Retrospektive (1)

Ich habe darauf verzichtet meinen geschätzten Lesern während der Festtage mit meinen Kommentaren über den katalanischen Konflikt eventuell die gute Laune zu vermasseln. Jetzt, im schon begonnenen Jahr 2019, möchte ich meine Berichterstattung nachholen, weil manches geschehen ist, dass der Erwähnung wirklich wert ist.

Vorneweg möchte ich etwas erwähnen, dass ich schon oft wiederholen musste: es gibt Verhaltensmuster in der spanischen Politik, in der spanischen Justiz und leider (und massiv) auch in den spanischen Medien, die für einen normalen deutschen Demokraten unvorstellbar und deswegen auch unverständlich sind. Sehen wir uns das an.

In meinem letzten Artikel hatte ich die für den 21. Dezember angekündigte Sitzung der spanischen Regierung in Barcelona als „ein fieses Manöver“, die letzten Endes Gewalt provozieren sollte, bezeichnet. In dieser Hinsicht hat das, was wirklich geschah, nichts zu tun mit dem Bild, dass die spanischen Medien davon verbreitet haben. Was wirklich geschehen ist, kann man am besten in einem nüchternen und detaillierten Artikel eines exzellenten Kenners des Konfliktes, den deutschen Journalist Ralf Streck nachlesen:

https://www.heise.de/tp/features/Statt-Zuspitzung-leichtes-Tauwetter-zwischen-Spanien-und-Katalonien-4258718.html

Darin kann man lesen, dass die wenigen gewaltsamen Störungen im Vergleich zu der Maße der Demonstranten unbedeutend waren; dass andere Gewaltversuche von den Demonstranten selbst unterbunden wurden; und das  einige der Randalierer als Provokateure aus dem Feld der Unabhängigkeitsgegner entlarvt wurden. Das alles war aber kein Hindernis dafür, dass am nächsten Tag fast die gesamte spanische Presse die Bilder der wenigen Einsätze der Polizei gegen ein Paar Randalierer als alles beherrschende Information benutzte mit Titeln wie „Chaos!“, „Gewalt!“ und ähnliches, und manche Kommentatoren im Rundfunk und Fernsehen ein apokalyptisches Bild des Tages zeichneten. Schon vorher hatte irgendein Schreiberling bei Twitter davon gewarnt, dass an dem Tag gewaltige Zerstörungen bei Gebäuden und Verkehrswegen zu befürchten waren, „wegen der Aktionen der GAAR“. Diese Abkürzung (von der kein Mensch jemals etwas gehört hatte) sollte für „Autonome Gruppen für schnelle Aktionen“ stehen, und sollte eine radikale Gruppierung innerhalb der überall in Katalonien existierenden „Räte zur Verteidigung der Republik“ bezeichnen. Diese Twitter Einlage wurde unbesehen wiederholt und verbreitet, und nach dem „Prinzip von Goebbels“ von vielen für bare Münze genommen. Und obwohl am Ende des Tages, am 21. Dezember nichts Derartiges passiert war und die Lüge entlarvt wurde, schienen die schreienden Titel der spanischen Presse nur alles zu bestätigen was an Diffamierungen vorher in der Welt gesetzt wurde.

Die Versuche des spanischen Staates die Räte zur Verteidigung der Republik“ zu kriminalisieren sind vielfältig. Ein krasses Beispiel davon ist der Fall der junge Katalanin Tamara Carrasco, einer der Fälle, die -wie ich am Anfang schrieb- für einen normalen Deutschen weder vorstellbar noch verständlich sind. Die Journalistin und Autorin Krystyna Schreiber hat es hier beschrieben:

https://www.jungewelt.de/m/artikel/346066.katalonien-als-terroristin-verfolgt.html?fbclid=lwAR0BWs3KUPPOjbKICHIAK0mI9xX9B1fpbzXfK570vW6UVed08jZUUBWfOSc

Um zu versuchen die Situation zu entschärfen hatten gerade ein paar Tage vorher vier der politischen Gefangenen ihren Hungerstreik abgebrochen. Wie Ralf Streck in dem Artikel auch erwähnte, hatten alle noch lebenden früheren Präsidenten der katalanischen Regierung und des katalanischen Parlaments die Streikenden gebeten den Hungerstreik zu beenden, weil „Ihr seid für das Land unentbehrlich und man kann es sich nicht leisten Euch zu verlieren“. Das war für Millionen von Katalanen eine gute Nachricht, die um das leben der Gefangenen große Angst gehabt hatten. Es fehlten nicht die beschämenden Kommentaren von spanischen Ultranationalisten, die meinten, dass diese Missetäter selbstverständlich nicht das gute Weihnachtsessen verpassen wollten. Zurzeit, nach der entsprechenden medizinischen Behandlung sind alle vier auf dem Weg der Erholung, was nicht der spanischen Justiz zu verdanken wäre.

Übrigens, am 29.12. vor dem Gefängnis Lledoners, wo die 7 inhaftierten männlichen Politiker sitzen, haben fünfhundert Musiker und Sänger den „Messias“ von Händel interpretiert. Das Orchester mit 40 Musikern bestand aus Professionellen von 8 verschiedenen katalanischen Orchester, Die Solisten und ein Teil des Chors waren auch Profis. Das Konzert fand um 12 Uhr mittags statt, weil um diese Zeit die Gefangenen draußen im Hof waren und die Musik hören konnten. 9.000 Zuhörer hatten sich dazu versammelt, und am Ende haben Orchester, Chor und Zuschauer die katalanische Nationalhymne intoniert mit Rufen nach „Freiheit“ und Unabhängigkeit“. Das ist eines der Unterschiede der friedlichen katalanischen Revolution gegenüber vielen anderen: anstatt Bomben zu legen, wird Händel gesungen…

 

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