Aufgewühltes Meer

Der frühere katalanische Ministerpräsident Artur Mas hat oft den Weg Kataloniens zur Unabhängigkeit mit der Reise Odysseus zurück in seine Heimat Ithaka verglichen. Ein Weg voll mit Hindernissen , Zwischenfällen und Widrigkeiten, aber immer wieder fortgesetzt bis zum Ziel. Sein Vergleich hat Fortune gemacht und wird immer wieder zitiert. Man hat begriffen, dass „die Reise nach Ithaka“ kein vergnüglicher Sonntagausflug ist, sondern noch manche Anstrengungen von vielen Katalanen verlangen wird. Und es gibt genug Bürger Kataloniens, die zu solchen Anstrengungen bereit sind und es nicht akzeptieren werden, wenn einige ihrer Politiker (vielleicht aus persönlichen Ängsten mutlos geworden) davon reden, die Reise erst mal aufzuschieben und darauf warten, dass das Meer nicht so aufgewühlt ist.

Dass zwischen den Befürwortern der Unabhängigkeit Differenzen über die beste Route zum Hafen gibt, ist menschlich und verständlich. Trotzdem hat man sich immer wieder aufgerafft und weiter Seite an Seite gekämpft. Unter anderem weil das Volk Zwietracht und Uneinigkeit an den Urnen schwer bestrafen würde.

Zur Zeit scheint es zu si einem schweren Zwischenfall gekommen zu sein. Die Unabhängigkeitsbefürworter haben die absolute Mehrheit im katalanischen Parlament formal verloren, und in Madrid frohlocken wieder viele Politiker und Journalisten schon über „das Ende des Spuks“. Und wie immer freuen sie sich zu früh.

Ich werde keinesfalls die Schwere der jetzigen Lage bagatellisieren, sondern wie immer die Fakten getreu wiedergeben. Für ein solches Unternehmen, für die friedliche Erlangung der Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Staat sich dagegen stemmt, gibt es kein vorheriges Beispiel, keine brauchbare Pauschale, und es wäre wirklich ein Wunder wenn die Akteure nie Zweifel über den besten Weg haben würden. Die brutale und gesetzwidrigen Verfolgung der katalanischen Leader durch die politisierte Justiz Spaniens hat bei vielen Abgeordneten des katalanischen Parlamentes Spuren hinterlassen. Nur so kann man verstehen, dass sie sich von den Anordnungen eines Richters beeinflussen lassen, der keine Befugnisse hat, dem katalanischen Parlament irgendeinen Befehl oder eine Richtlinie aufzuzwingen. Richter Llarena hat verfügt, dass die inhaftierten und exilierten Mitglieder des Parlaments (6 insgesamt) ihre Stimme nicht delegieren können und gleichzeitig ihren Sitz behalten. Das ist aber illegal. Das zu verfügen ist einzig und allein Kompetenz der Mehrheit des katalanischen Parlamentes und von niemanden sonst. Zwei von den Abgeordneten haben sich dem Befehl gebeugt, um die Unabhängigkeitsmehrheit nicht zu gefährden. Die anderen vier (unter ihnen Präsident Puigdemont) meinen, dass dem Befehl zu folgen, würde die Autorität des Richters legitimieren, und weigern sich rundweg sie in diesem Fall anzuerkennen. Dadurch, und solange  sich das Parlamentspräsidium nicht klar gegen die Anordnungen Madrids stellt, fehlen diese vier Stimmen für die Mehrheit. Damit hätte Richter Llarena durch seine illegalen Machenschaften erreicht, die Ergebnisse der Parlamentswahl von 21. Dezember, die eine Ohrfeige für Madrid gewesen waren, nachträglich „zu korrigieren“.

Die Rechnung ist aber ohne den Wirt gemacht, und der Wirt ist in diesem Fall der Mann auf der Straße. Aus allen Ecken der organisierten Unabhängigkeitsbewegung  wird verlangt, dass die Abgeordneten das tun, wofür sie gewählt wurden: das Volksmandat zu verwirklichen die Republik voranzutreiben. Und dass, wer nicht dazu bereit ist, zurücktreten soll. Heldentum ist selten und kann nicht von allen Menschen verlangt werden. Aber dann, meinen viele, soll Platz gemacht werden für diejenigen, die willens sind die Herausforderung anzunehmen.

Der jetzige Zwischenfall ist keineswegs „das Ende des Spuks“, sondern kann sogar seine Beschleunigung bewirken. Es wird nicht lange dauern, das feststellen zu können.

Und jetzt nur eine Bemerkung: an der Demo der Unabhängigkeitsbefürworter am 11. September in Barcelona hat eine Million Bürger teilgenommen. And er Demo der Gegner am letzten 12. Oktober etwa 65.000. Das ergibt, glaube ich, ein klares Bild des Engagement Grades der zwei Gruppen der Bevölkerung.

Advertisements

3 Kommentare

    • Pere Grau Rovira

      Lieber Herr Roca: von verschiedenen Seiten habe ich gehört, dass die Schätzung der Stadtpolizei (1 Mio.) zu niedrig war. Ich glaube Ihnen, ziehe aber vor in diesem Blog keinen Zahlenkrieg zu führen. Sowieso wo sonst in der Welt bringt ein Anliegen eine Million Bürger auf die Straße? Und das jedes Jahr! Und auch dazu ohne Randale und mit sauberen Straßen nach der Demo!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s