Antworten an zwei Leser (II)

Weiter im Text, Herr Brenner. Das Bild, dass man als Zugereister von dem Land wo man lebt bekommt wird natürlich von den Kreisen, wo man sich bewegt, und von der Presse, die man ließt abhängen. Und wenn man nicht durch eine sehr lange sowohl eigene wie familiäre Erfahrung gegen Wahrheitsverdrehungen vorbereitet ist, kann man (wie bei Ihnen den Fall ist) guten Glaubens, was eine parteiische Presse ständig trommelt schlucken. Sie glauben was viele spanische Politiker sagen, z.B. dass die katalanische Presse (Ara, Punt/Avui, etc.) von der Generalitat subventioniert wird. Die Herausgeber dieser Zeitungen wären selig wenn es so wäre. In Wirklichkeit sind sie ständig am Rand des Überlebens. So musste Avui sich mit der Zeitung El Punt fusionieren um durch Synergieeffekte knapp über die runden zu kommen. Was meinen Sie warum die von Ihnen so geschätzte „El Mundo“ (und La Razón, und El País und La Vanguardia etc.) aus mehreren Gründen so auf die Pauke gegen die katalanischen Institutionen schlägt ? Weil erstens (und das ist wieder kein Geheimnis) die jetzigen Inhaber dieser Zeitungen auch eiserne Anhänger des Dogmas der spanischer Einheit sind, und zweitens, weil die Finanzen ihrer Zeitungen sehr von den Annoncen der spanischen Staatsunternehmen abhängig sind.

Das „ein katalanisches Geschichtsbuch der Oberstufe sich von einem spanischen in anderen Regionen Spaniens“ sehr unterscheidet, hängt nicht mit Ideologisierung sondern einfach mit der Wiedererlangung der eigenen Geschichte zusammen.

Sie schienen wirklich keine Ahnung davon zu haben was die ANC ist. Das ist wahrlich keine „als Bürgerinitiative getarnte politische Organisation“, weil, und das verstehen auch die spanischen Politiker nicht, die ANC eine massive Bürgerbewegung ist, die von unten kommt und oft mit den Zaudern der Politiker im Streit ist. Ich wundere mich immer wieder wenn, wie in Ihrem Fall, die Katalanen, welche für die Unabhängigkeit sind (manchmal nur als kleinstes Übel) als so hirnlose Schafe dargestellt werden, die ohne eigenes Urteilsvermögen sich von „denen da oben“ manipulieren lassen. Es ist gerade andersherum, und „die da oben“ sind die, die von dem Volk, die von Spanien bitter enttäuscht ist, in Richtung Republik geschoben werden.

Ich muss Sie auch enttäuschen (falls Sie mir glauben würden). Die angeblich so tolle katalanische Selbstverwaltung ist erstens keineswegs so umfassen wie Sie es darstellen (In Bildung, Gesundheit, Verkehr, Wirtschaft und besonders bei Finanzen) spricht die Zentralregierung in vielen Feldern das entscheidende Wort. Nicht mal ein Statut, das halbwegs die Wünsche der Katalanen berücksichtigte, hat man uns zugestanden und Herr Rajoy und das Verfassungsgericht haben es begraben, mit den Folgen, die wir alle kennen. Mit einem Föderalsystem hat Spanien nichts gemeinsam. Föderalismus geht von unten nach oben. Die spanischen Autonomien sind von oben „erlaubt“ und können (die Praxis zeigt es) jederzeit wieder beschnitten werden.

Ihre Auslegung der katalanische Geschichte ist auch nicht korrekt. Katalonien hat eine lange Geschichte als unabhängiger Staat, dann als konföderierte mit Aragon (nicht als Juniorpartner) und dann faktisch auch als konföderiert mit Kastilien. Dazu: https://peregraurovira.wordpress.com/2016/07/01/katalonien-und-die-deutsche-presse/

Ich werde jetzt etwas kürzer zu Ihrem letzten ellenlangen Kommentar Stellung nehmen, den Herr Rajoy voll entzücken lesen würde und unbesehen selbst unterschreiben könnte.

Über das von Ihnen so attackierten Schulsystem werde ich demnächst ein Artikel für meine Leser schreiben. Danke für die Anregung.

Woher nehmen Sie die verrückte Idee, dass „die Nationalisten Kataloniens Populisten sind, die gegen die Werte Europas wie Solidarität und Einigkeit sind“? Die Katalanen, welche die Unabhängigkeit unseres Landes möchten, denken nicht daran unsolidarisch zu werden. Nicht mit Europa (wo sie bald Nettozahler werden würden) und auch nicht mit Spanien. Wenn benötigt und gewünscht, würde Katalonien auch Spanien helfen sich an den neuen Umstände anzupassen. Aber das Geld, dass dann fließen könnte, würde nicht in leere Autobahnen, leere TGV und inflationäre doppelte Verwaltungen verschleudert werden dürfen wie es jetzt seit langem geschieht.

Es ist mit vollkommen neu, dass „das Motto der Nationalisten ‚Eine Sprache, eine Nation‘ sei“. Wenn überhaupt, war das die fixe Idee Francos. Es dreht sich doch nur daran, dass das Katalanische nicht untergeht, wie -nicht nur bei Franco- Spanien es oft versucht hat. Wir als Katalanen sind nie eine „reinrassige Nation“ gewesen (welche ist das denn?). Gott bewahre! Wir sind eine bunte Mischung von vielen Völkern, die durch das Land gegangen oder geblieben sind. Aber im Laufe der Jahrtausende sind die heutigen Katalanen das Ergebnis davon und wir lassen uns nicht mehr wesentliche Merkmale unserer kollektiven Persönlichkeit wegnehmen. Das hat mit Rassismus nichts zu tun. Klar, ein Häufchen Rassisten gibt es auch bei uns wie die bei der Partei „Plattform für Katalonien“ (PxC), eine Art katalanisches PEG Ida, aber sie sind eine kleine Minderheit, und die anderen Parteien würden nicht mal daran denken, etwas mit ihnen zu tun zu haben.

Wenn Sie sagen, dass das größte Fehler Spaniens die Autonomien und die Ko-Amtssprachen gewesen sind, und dass es besser wäre ein zentralistischer Staat wie Frankreich zu sein, plädieren Sie dann doch für ein Spanien wie Franco es wollte und  versucht hat „für immer“ zu schaffen. Und damit plädieren Sie auch dafür die Probleme zwischen den Völkern, die im spanischen Staat leben, nie zu lösen.

Weiter möchte ich Ihre Kommentare nicht beantworten. Es wäre mühsam und nutzlos. Aber ich möchte Ihnen noch eine Anekdote erzählen. Es war 1951. Die Unterdrückung seitens des Francoregimes war noch unvermindert. In Barcelona feierte eine renommierte Handwerker-Kooperative, die der Handweber, irgendein Jubiläum des Vereins und der Chor der Kooperative und der Chor wo ich damals mitsang (Orfeó Català), haben in ihrem Stadtteil Sant Andreu ein gemeinsames Konzert gegeben. In der Halbzeit haben der Vorsitzender der Kooperative und der von unserem Chor die obligaten Reden gehalten. Aber ein Teil der Rede des Vorsitzendes der Kooperative habe ich nie vergessen. Er sprach von den spanischen Migranten, die damals in großer Zahl nach Katalonien kamen, und in jenem Stadtteil stark vertreten waren. Und sagte: „Es gibt einige unter uns, die sagen, dass diese Menschen zu ihren Dörfern zurück gehen sollen. Freunde, wie wenig christlich ist das! Und wie wenig katalanisch! Nein, Freunde! Wenn diese Menschen in ihrer Heimat kein Brot für ihre Kinder haben und hier ein besseres Leben haben können, seien sie willkommen! Wenn sie, an unserer Seite leben und arbeiten, machen wir alle zusammen ein besseres Land für alle!“. Er konnte nicht weiter reden, weil ein donnernder, langer Applaus des Publikums es verhinderte. Man muss es sich vergegenwärtigen: Katalanen, Bürger die unter einer brutalen Repression leben mussten , begrüßten mit großen Beifall den Aufruf zur Solidarität mit den spanischen Armen, die auch Opfer des Gesellschaftssystems Spaniens waren. Unsere Feindschaft galt dem Regime, nicht dem Volk Spaniens. Seitdem ist vieles geschehen. Aber der Geist jener Rede ist geblieben. Die Katalanen reagieren unwirsch gegen die, die sich bei uns wie Feudalherren benehmen und unseren friedlichen, demokratischen Willen nicht respektieren wollen. Aber (und meinen Sie was sie wollen, Herr Brenner) wer uns respektiert, wird auch von uns respektiert und geschätzt.

Und damit, Herr Brenner, beende ich endgültig diesen Dialog. Die Zeit, dieser Unbarmherzige Richter, wird schon zeigen wer richtig und wer falsch liegt. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute.

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