Ein Gedenktag vor einem stürmischen Herbst

Am traurigen Jahrestag hat Katalonien die Opfer des terroristischen Attentats vom 17.08.2017 geehrt. Der Wunsch vieler gutmeinender Leute war es, dass dieser Akt der kollektiven Trauer sich nicht mit den Wirren des politischen Konflikts vermischen würde. Das war aber ein frommer Wunsch. In der anomalen Lage, in der sich Katalonien befindet, wäre es ein Wunder gewesen, wenn der Gedenktag so verlaufen wäre als ob man sich in Frankreich, in Norwegen oder in Großbritannien befindet. Über den Verlauf des Tages und über die Vorgeschichte verweise ich auf die exzellente Zusammenfassung von Krystyna Schreiber in der Berliner „Junge Welt“:

https://www.jungewelt.de/m/artikel/338037.katalonien-viele-fragen-offen.html

Was ich hier unterstreichen möchte ist zweierlei: erstens, ein paar Beispiele der Verdrehung vieler  Tatsachen durch einen überwiegenden Teil der spanischen Presse, die dann leider auch von einigen deutschen Berichterstattern übernommen wurde; und zweitens, einige Episoden des Tages, welche nichts anderes sind als Vorboten des stürmischen politischen Herbstes, der vor uns liegt.

Die krasseste Beispiel von aktuellen fake News ist bei dem Madrider „El Mundo“ zu lesen. Da steht schwarz auf weiß, dass in jenen Tagen „die katalanische Polizei der spanischen wesentliche Informationen über den 17. August verweigert hat“. Es ist nicht mal eine Woche her, dass in einem Gespräch über die damaligen Ereignisse der Chef der Antiterrorabteilung der spanischen Guardia Civil klargestellt hat: „Die Zusammenarbeit der katalanischen Polizei mit uns war vorbildlich ohne jede Einschränkung“. Und es ist sattsam bekannt, dass es die spanische Polizei war (oder vielleicht direkt der spanische Innenministerium), welche sich weigerte, und auch heute noch weigert zu erlauben, dass die katalanische Polizei direkten Zugang zu der Datenbank von Europol hat. Dadurch wusste sie damals nichts von der belgische Vorbestrafung des Chefs der Terroristen, dem marokkanischen Imam Es Satty, und auch darüber wurde nicht von der spanische Polizei informiert. Bis heute verweigern die spanischen Behörden eine offene Untersuchung über die möglichen Kontakte des Imams als Informant der spanischen Antiterroreinheiten.

Es ist auch wieder eine Mär von damals im Umlauf obwohl die sich sofort als falsch erwies. Nämlich dass die CIA den Katalanen über ein möglicherweise bevorstehendes Attentat in der Rambla von Barcelona informiert hatte, und dass die Katalanen die Warnung ignorierten. Erstens, gab es nach eigenen Angaben der CIA solche Kontakte nicht, und zweitens, weil die Terroristen ganz andere Pläne hatten und das Attentat in der Rambla in der letzten Minute improvisiert wurde hätte die CIA schwerlich darüber Bescheid wissen können. Aber in manchen spanischen Kreisen scheint alles erlaubt zu sein, um die Katalanen zu diskreditieren. Lügen haben kurze Beine, sagt man in Deutschland. Das scheint aber kein Hindernis zu sein, um sie immer wieder zu wiederholen.

Und nun zu den Episoden des Tages, welche ein grelles Licht über den wirklichen Stand des Konfliktes aufwerfen.

Dass der spanische König in Barcelona unerwünscht war, wurde mehrfach bestätigt. An sich sollte normal sein,  dass es ein Staatsoberhaupt als seine Pflicht ansieht so einer Gedenkfeier beizuwohnen. Aber König Felipe hat nach dem katalanischen Referendum am 1. Oktober 2017 die katalanischen Wählern wegen ihren Verhalten an dem Tag gerügt, ihnen die Schuld für das brutale Eingreifen der spanischen Polizei gegeben, und diese ausdrücklich gelobt für ihren Einsatz, was für die radikalen spanischen Schlägerbanden als Freibrief interpretiert wurde für die Attacken, die sie seitdem in Katalonien völlig straflos verüben. Insofern sollte die Abneigung der Katalanen gegen den Monarch verständlich sein.

Der König war nicht anwesend (auch der spanischer Ministerpräsident nicht) bei dem bewegenden Teil des Tages, als die Angehörigen der Opfer Blumen an dem Ort des Attentats hinterlegten, unter der schweigende Anteilnahme einer großer Menge Bürger der Stadt, eine Stille, die nur von einen kurzen Applaus für die trauernden Gäste unterbrochen wurde. Der Monarch (oder seine Berater) hatte wahrscheinlich befürchtet  wie damals ausgebuht zu werden.

Ausgebuht wurde er jetzt nicht. Er wurde einfach ignoriert. Für die zentrale Gedenkfeier im Zentrum Barcelonas wäre die große Plaça de Catalunya (ca. 30.000 m²) unter anderen Umstände zu klein gewesen, um Platz für alle Bürger zu bieten, die dort gekommen wären. Diesmal (und es gibt Luftfotos davon) war der Platz höchstens zu einem Drittel voll, einschließlich der Bühne. Und die Menschen, die da waren, hatten vorher durch eine Polizeikontrolle gehen müssen, wo sämtliche mitgebrachte Transparente konfisziert wurden. Was stand darauf?: „Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit“. Anscheinend höchst verdächtige Begriffe… Demgegenüber wurden spanische Flaggen und andere spanische Zugehörigkeitszeichen (Mützen, Schals, etc.) selbstverständlich durchgewunken.

Der jetziger katalanischen Regierungschef Quim Torra hatte die Frau des damaligen, jetzt inhaftierten, katalanischen Innenminister Forn direkt an seiner Seite gestellt und dadurch die spanischen Gäste gezwungen auch ihr die Hand zu reichen, wobei sie zu dem König sagte: „Nicht ich sollte heute hier sein…“. Die ultranationalistische Madrider Zeitung „La Razón“ fand das „eine obszöne Provokation“.

Der Meinung waren bestimmt nicht die abertausende Katalanen, die am späten Nachmittag vor dem Gefängnis der politischen Gefangenen zusammenkamen, um ihre Solidarität besonders mit Ex-Minister Forn kundzutun.

Der Tag hatte auch ein paar hässliche Momente. Die wurden aber ausschließlich  von einigen sehr kleinen Gruppen  von spanischen Ultras begangen, die vergeblich Unfrieden und Gewaltreaktionen zu provozieren versuchten indem sie einige Bürger geschubst, geschlagen oder gespuckt haben.

Das war ein denkwürdiger Tag. Einmal um zu zeigen, dass die Tragödie nicht vergessen wird. Und dann auch um zu zeigen, dass in Katalonien die spanischen Würdenträger von der Mehrheit nicht mehr als eigene angesehen werden. Das mag in Ausland bedauern oder nicht. Es ist aber die ungeschminkte  Wahrheit. Und das wird sich in den nächsten Monaten mehr als genug weiter zeigen.

 

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