Die gelbe Flut

Nein. Ich rede nicht von den Importen aus China oder von der „neuen Seidenstraße“. Ich rede von der kleinen, bescheidenen gelben Schleife, die so viele Katalanen -jung und alt- tragen. Am Revers, an der Bluse, an dem Einkaufskorb oder wo auch immer. Ich rede von den gelben T-Shirts, von den gelben Schals, Krawatten, Wäscheklammern, Regenschirmen, die immer mehr Bürger Kataloniens tragen im friedlichen und stillen Protest gegen die Inhaftierung von Frauen und Männern, die keine anderen Verbrechen begangen haben, als sich für das friedliche und demokratische Recht auf Selbstbestimmung der Bürger Kataloniens einzusetzen, und hinter Gittern sind, wo sie wegen willkürlicher Anklagen, die sogar die spanischen Gesetzen verletzen, die häufigen Schikanen ihrer Wärter erleiden müssen.

Ich habe schon in meinem Artikel vom 11.11.17 „Der rebellische Charme der Farbe Gelb“ davon gesprochen. Aber jetzt ist es zu einer empörten und immer sichtbareren Flut geworden. Auf der Straße im Alltag, auf den Demonstrationen, auf den Rängen der Fußballstadien oder wo auch immer. Sogar am 23. April, St. Georgstag, ein  Datum, an dem die Katalanen sich Bücher und rote Rosen schenken, wurden diesmal massiv gelbe Rosen an die Menschen überreicht, die man liebt. Es ist eine Flut, die die spanischen Machthaber in Rage versetzt, weil ihre Hoffnung, dass die Empörung der Bürger ein kurzes Strohfeuer sein würde, bitter enttäuscht wird.

Und in ihrer Rage werden von ihnen kopflose Befehle erteilt, welche die Entschlossenheit der Bürger noch fester macht, die diese „gefährliche“ und „subversive“ Farbe tragen. Zum Beispiel, beim Endspiel des spanischen Fußballpokals in Madrid, hat die Polizei bei den 23.000 katalanischen Fußballfans, die bei dem Spiel anwesend waren, alles was gelb war requiriert. Ob Schals, oder Schleifen, T-Shirts (auch wenn sie unter einem anderen T-Shirt mit der Farben des FC. Barcelona getragen wurden) oder Krawatten. Es war eine verrückte Aktion, die zum Lachen verleiten würde, wenn es nicht gleichzeitig so ernst und absurd wäre.

Ja: primär richtet sich die gelbe Flut gegen die willkürliche Inhaftierung von unbescholtenen Bürger, die nicht nur nicht zur Gewalt angestachelt haben, sondern zur Friedfertigkeit und Besonnenheit aufgerufen haben. Aber in Wirklichkeit hat dieser Protest viel weitergehende Gründe. Gründe, die nicht nur mit den Inhaftierten und Verfolgten, sondern mit jedem Menschen zu tun haben.

Der großartige Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Davon redet die spanische Verfassung erst im Artikel 10, als einer der „Grundsteine der politischen Ordnung und des sozialen Friedens“. Und die gelben Protestzeichen werden auch getragen wegen der Befürchtung, dass die Würde eines jeden Bürgers genauso missachtet werden könnte wie es jetzt bei den Inhaftierten geschieht. Oder ist es kein Attentat auf die Würde, wegen falscher Anklagen ins Gefängnis gesteckt zu werden, und ein halbes Jahr später noch auf den Prozess zu warten? Oder ist es auch keines solange kleinliche Schikanen Tag für tag ertragen zu müssen?

Ich weiß. Viele Deutschen sagen: Na, wenn sie das Gesetz gebrochen haben, was erwarten sie dann? Der Witz ist aber, dass die Anklagen wegen Rebellion, Aufruhr oder Veruntreuung, auch nach dem spanischen Gesetz unhaltbar sind. Höchstens hätten die jetzt Inhaftierten (und nicht alle) wegen Ungehorsam gegen das spanische Verfassungsgericht angeklagt werden können, was aber nie Gefängnis bedeutet hätte, sondern höchstens das Verbot öffentliche Ämter zu bekleiden. Dazu kommt, dass nach internationalem Recht (das verbindlicher Teil der spanischen Verfassungsordnung ist, nach Artikel 10 § 2 der Verfassung, und Vorrang vor nationalem echt hat) die Inhaftierten (und auch die jetzt im Exil verfolgten Politiker) das Recht auf ihrer Seite hatten und es ist die spanische Regierung, die geltendes Recht gebrochen hat, wie Prof. Dr. Alfred de Zayas (UNO Referent für Menschenrechte) klargestellt hat. Und jetzt steht auch die Farbe der mächtigen Sonne und des duftenden Ginsters unter Anklage der Unbotmäßigkeit. Spain is different, noch ein Mal mehr. Leider…

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