Licht in den Nebel bringen

Über die umwälzenden Ereignisse in Katalonien ist in den letzten Wochen viel geschrieben. Vieles ist richtig und sehr vieles falsch. Die Interpretierung des Geschehens, da wo diese nicht gleich verständlich waren, bestand bei vielen Medien aus der Übernahme der offiziellen irreführenden spanischen Versionen. Langsam, nach und nach, kommt die Wahrheit zutage. Diese Linien sind ein Versuch, ganz kurz ein bisschen Licht in den dicken Nebel der Gerüchte und Lügen der letzten Tage zu bringen.

Es sind viele Vorwürfe gegen die Regierung und das Parlament Kataloniens erhoben worden. Mangelnde Vorbereitung, illusorische Verantwortungslosigkeit und manches andere. Der einziger Vorwurf, den man den katalanischen Verantwortlichen vielleicht zu Recht machen könnte ist es, dass sie es nicht für möglich gehalten hatten, dass die spanische Regierung – um die Unabhängigkeit Kataloniens zu verhindern – jeder Zeit bereit wäre Blut zu vergießen und zu töten.

Wie ich in meinem vorherigen Artikel (über die Lügen des spanischen Außenministers) schon dargelegt habe, hat Präsident Puigdemont durch einen katalanischen Landesminister als Unterhändler in Madrid Neuwahlen in Katalonien angeboten, anstatt der Ausrufung der Republik, wenn dadurch die Anwendung des Artikels 155 der Verfassung gestoppt werden würde. Die Antwort war, ganz egal was die katalanische Regierung jetzt tat, der Artikel 155 angewendet werden würde , und das führt zu der Proklamation der Unabhängigkeit im katalanischen Parlament.

Die katalanische Regierung bekam dann aber aus mehreren zuverlässigen Quellen (u.a. der Erzbischof von Barcelona) die Warnung, dass die spanische Regierung – um die Vollendung der Sezession zu verhindern – bereit war, die Verwendung von Waffengewalt anzuordnen im allen Folgen. Das hätte Tote bei der katalanischen Polizei, oder bei der Zivilbevölkerung oder beides bedeutet. Es war außerdem schon bekannt, dass Waffen und Truppenverstärkung in einer Heeresbasis in der Provinz Girona (Sant Climent Sescebes) eingetroffen waren. Der katalanische Präsident und seine Regierung waren nicht bereit, ein Blutvergießen unbekannten Ausmaßes zu provozieren. In jenen dramatischen Stunden wurde eine andere Art des Widerstandes beschlossen. Die katalanische Regierung sollte sich in zwei Gruppen teilen; eine Gruppe würde weiter in Katalonien arbeiten (man hatte nicht mit ihrer Inhaftierung gerechnet, da Art. 155 nicht dazu ermächtigte), die andere würde nach Brüssel reisen und von dort aus bei den europäischen Regierungen und Institutionen und bei der ausländischen Meinung ihre Sache vertreten. Jeder Landesminister konnte frei entscheiden, zu welcher Gruppe er/sie gehören wollte. Unmittelbar danach sind Puigdemont und seine „Brüsseler Gruppe“ nach Belgien gereist, von wo aus seitdem den spanischen Regierung manche Migräne verursachen.

Joan Josep Omella

Joan Josep Omella, Erzbischof von Barcelona

Die spanischen Medien haben sofort, wie es nicht anderes zu erwarten war, Puigdemont als feigen Verräter bezeichnet, der seinen Landsleute im regen stehen lässt, während er sich der Verantwortung entzieht. Dazu wird empört bestritten, dass die spanische Regierung zu einem Massaker bereit gewesen wäre, eine Dementierung, die in Katalonien – nach den Polizeiexzessen des 1. Oktobers keiner glaubt. Das wurmt die Politiker in Madrid genau so sehr wie die Tatsache, dass die meisten Katalanen Präsident Puigdemont und seine abgesetzte Regierung weiterhin als ihre einzigen legitimen Vertretern anerkennen.

Es gibt noch eine zweite „Nebelwand“ mit der man die Bevölkerung zu demoralisieren versucht: die angebliche Massenflucht von Firmen aus Katalonien. Wie ich schon in anderen Artikeln dargelegt habe, ist das eine rein juristisch-kosmetische Geschichte, die keinen Arbeitsplatz in Katalonien kostet. Es ist sogar bekannt dass einige schlaue Anwaltskanzleien davon ein neues Tätigkeitsfeld entwickelt haben. Sie stellen kleine Büros zur Verfügung (manche nicht größer als 10 m²) mit einem Tisch einen Stuhl und eine Internetanbindung, als neuen „juristischer Hauptsitz“ von den angeblich ausgewanderten Firmen. Darüber wird wie auch über andere Elementen der spanischen ständigen Desinformation, bestimmt noch einiges zu berichten sein.

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