Es ist zum weinen

In drei unter den ersten Artikeln aus den Ursprüngen dieses Blogs, sie stammen aus Juli 2016, bedauerte ich die häufigsten Fehler der deutschen Korrespondenten in Spanien, wenn sie über Katalonien berichteten. Seitdem ist vieles und bedeutendes geschehen und einige Berichtserstatter schreiben jetzt in objektiverer und ausgewogener Form über die Ereignisse in meiner Heimat. Leider ist der größere Teil der Berichte nach wie vor durch die Interpretation der spanischen Behörden beeinflußt, eine Interpretation, die allzu oft Wort für Wort wiedergegeben wird.

Die Katalanen, welche wie ich, die Nachrichten in den deutschen Zeitungen verfolgen können verzweifeln manchmal über Falschdarstellungen, die – aus unserer Sicht – mehrere Ursachen haben: a) Unzureichende Kenntnis über die Gründe des Konflikts; b) Geringschätzung der „provinziellen, egoistischen Separatisten“; c) Tiefsitzende Vorurteile über „die Gefahren der Kleinstaaterei“ und eine verkehrte Idee über die Folgen für Europa, oder d) Unverständnis darüber wie diese Bewegung für die Unabhängigkeit funktioniert.

Ein zu oft ausgesprochener Vorwurf an die Katalanen ist der, dass sie ihre „extreme und radikale Position“ verlassen und bereit für den Dialog mit der Zentralregierung sein sollten. Damit werden die Opfer zu Täter gemacht und umgekehrt. Auch nach der Demolierung des katalanischen Autonomiestatuts von 2006 durch die Klage des Herrn Rajoys und seiner Volkspartei beim spanischen Verfassungsgericht hat die katalanische Regierung immer wieder den Dialog gesucht um ein Mindestmaß an Verbesserungen (finanziell wie kulturell) zu erreichen. Die Antwort war immer ein ständiges, wie in Stein gemeißeltes, „Nein!“. Die repressive Orgie der letzten Tage hat endgültig die Tür für jeden vernünftigen Dialog geschlossen.

Es wird dem katalanischen Ministerpräsident Puigdemont vorgeworfen, dass er, als radikaler Separatist, kein Jota von seinen Plänen abrücken will und, dass er bei den Bürgern in Katalonien die Stimmung gegen Spanien aufpeitscht. Das ist ein hanebüchener Unsinn, der nur von Herren, welche die Entwicklung nur durch die Brille der Madrider Kurzsichtigkeit betrachtet haben, vertreten werden kann. Die Machthaber in Madrid in totaler Verkennung dessen was in Katalonien geschah, waren immer der Meinung, dass „der ganzen Humbug“ das Werk einiger  weniger ehrgeiziger und eigennütziger Politiker war, und wenn man diese abservieren konnte, würde sich alles in Wohlgefallen auflösen. Jetzt macht Madrid denselben Fehler. Man denkt, dass wenn man genügend „Rädelsführer“ aus dem Verkehr ziehen kann, würde sich „der Spuk“ beherrschen lassen können.

Früher wie heute ist es aber so, dass diese „Rädelsführer“ nicht die Treibender sondern die Getriebenen sind. Die friedliche Revolution der Katalanen ist nicht das Werk eines Herrn Mas oder eines Herrn Puigdemont, und auch nicht von den Vorsitzenden der Bürgerbewegungen ANC und Omnium, die jetzt wegen „Anstiftung zur Aufruhr“ angeklagt werden sollen. Der Anstifter und Antreiber der Bewegung sich von Spanien zu trennen ist schlicht und einfach der Mann auf der Straße, der katalanische „Otto Normalverbraucher“, „the common man“. Und das quer über alle sozialen Schichten, quer über alle Sprech-Grenzen, quer über alle familiären Abstammungen. Es ist eine ruhige Entschlossenheit, die aus vielen Erfahtungen und Erkenntnisse geboren ist, die den Abertausenden die Jahr für Jahr – und auch jetzt wieder – für ein souveränes Katalonien demonstriert haben, gemein sind. Die begriffen haben, dass die spanische Demokratie, die nach dem Tod von Franco entstanden ist, noch viele Kennzeichen der Diktatur behalten hat, unter einer Firnis die jetzt brüchig geworden ist und sehr schnell abblättert. Es sind Abertausende, die sich selber zählen wollen um die Berechtigung ihres Ansprüches zu legitimieren, einen neuen Staat zu gründen in dem sie über ihre Zukunft bestimmen können. Ein Staat indem sicher auch Fehler gemacht werden aber auch korrigiert werden können, ohne gebremst oder verhindert zu sein durch arrogante, unfähige Machthaber, die sich wie Gutsherren gegenüber armer Pächter betragen. Und nein: auch wenn Sie das vielleicht denken, das ist keine kleingeistige Übertreibung. Es ist die Feststellung die sich aus der spanische Katalonien-Politik der letzten Jahrzehnte ergeben hat.

Es wird noch mit erhobenen Finger darüber berichtet, dass Katalonien kein Recht auf Sezession hat weil die Verfassung es nicht erlaubt. In Wirklichkeit hätte die spanische Verfassung Raum für die Legalisierung dieses Referendums geboten wenn der politische Wille der Zentralregierung dafür vorhanden gewesen wäre. Und man belächelt uns wenn wir argumentieren, dass auch die Sezession der Vereinigten Staaten, oder von Irland, oder von den baltischen Staaten, nur um einige Beispiele zu nennen. auch von ihren jeweiligen Zentralstaaten verboten war. Man sagt, das wäre was ganz anderes. Das sehen wir aber als einen genau vergleichbaren Fall.

Machen wir es kurz. Der Druck der spanischen  Machthaber über die friedlichen katalanischen „Rebellen“ wird in den nächsten Tagen noch wachsen. Aber Spanien hat durch eigenes Versagen schon Katalonien verloren. Es behalten zu wollen nach Art und Weise einer Besatzungsmacht, könnte das Problem aufschieben, aber keineswegs lösen. Die nächsten Wochen werden es beweisen. Und dann werden die Zeitungsarchive eine Menge Artikel enthalten dessen Autoren bedauern werden sich so krass geirrt zu haben.

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