Ein kurzes Innehalten

Es gibt jetzt Tag für Tag neue Nachrichten über Spanien und Katalonien, die breite Kommentare verdienten. Nun ist auch der ehemalige Landesminister im Büro des Landespräsidenten und jetziger Abgeordneter im spanischen Parlament, Francesc Homs, verurteilt worden. Wegen seiner Rolle in der Volksbefragung vom 9.11.2014 muss er eine Strafe von 30.000 Euro zahlen und darf anderthalb Jahre kein öffentliches Amt bekleiden. Eine Gruppe von 500 katalanischen Juristen hat ein Manifest unterschrieben, in dem sie darlegen, dass ein Referendum für die Unabhängigkeit Kataloniens eben doch mit den Regeln der spanischen Verfassung vereinbar sei. Spanien hat europäische Finanzgelder, die für den Bau des „Mittelmeerkorridors“ gebunden waren (siehe frühere Artikel) statt dessen für den Bau von Eisenbahntunneln um Madrid verwendet…

Und doch möchte ich mir und meinen Lesern eine Pause vom täglichen Newsticker gönnen und statt über die aktuellen Geschehnisse zu schreiben an ein paar grundsätzliche Aspekte erinnern, ohne die der jetzige Konflikt zwischen Barcelona und Madrid oft missverstanden werden kann. Der Anlass dazu hat mir kurioserweise ein französischer Kommunist gegeben. Es handelt sich um den französischen Präsidentschaftskandidaten der extremen Linken, Herrn Mélenchon. Er wurde in einem Rundfunkinterview gefragt, was er von einem Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien halte. Mélenchon ist ein klassischer französischer Jakobiner, der immer gegen jedwede französische Konzession (auch jeder rein kulturellen) an Bretonen, Katalanen, Korsen, Elsässer oder Okzitanen gewesen ist. In seiner Antwort hat er klargestellt, dass er gegen ein unabhängiges Katalonien ist. „Europa – sagte er – kann keinen neuen Staat Katalonien gebrauchen“. Trotzdem (oh, Wunder) hat er auch gesagt, dass die Katalanen allerdings das Recht haben, sich zu dieser Frage in einem Referendum zu äußern. Lassen wie hier unkommentiert, ob Europa neue Staaten braucht oder nicht. Das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Aber die Worte Mélenchons, die implizit den Vorwurf beinhalten, dass der Unabhängigkeitswunsch in unseren Tagen unzeitgemäß und störend sei, hat mich wieder zu der Überlegung geführt, wie ich anderen Leuten erklären kann, wieso der katalanische Patriotismus so fest und stark geworden ist, wenn andernorts der nationale Patriotismus oft verpönt wird und man lieber von „republikanischen“ oder „Verfassungspatriotismus“ spricht. Wieso dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit bei uns so ausgeprägt ist?

Ich maße mir nicht an neue wunderbare Erklärungen anzubieten. Nein, einer der wichtigsten Gründen dafür, dass die Katalanen sich als Nation betrachten und empfinden, ist so einfach wie fast banal: weil seit mehr als 300 Jahre nicht etwa wie bei anderen Völker geschehen diejenigen unter Verfolgung leiden mussten, weil sie rechts oder links, reich oder arm, gläubig oder ungläubig waren, sondern aus dem einfachen Grund, dass sie Katalanen waren und als solche und nicht fremdbestimmt leben wollten. Déas ist ein Gefühl, das vielleicht nur andere Völker verstehen können, welche die selbe leidige Erfahrung haben machen müssen, wie Polen oder Balten. Nichts verbindet die Angehörigen eines Volkes so stark wie die Erfahrung der Unterdrückung oder der unerwünschten Fremdbestimmung. Und genau hier liegt der Grund für die Entschlossenheit so vieler Katalanen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Wie schon mal erläutert, waren die Hoffnungen auf eine neue Zeit nach der Diktatur Francos sehr groß. Doch sie sind nach und nach enttäuscht worden, trotz der Bereitschaft der Katalanen zu einem brüderlichen Miteinander mit den anderen Völkern des spanischen Staates. Und so sind wir geworden wie wir sind, und so ist ein politischer Konflikt entstanden, der leicht zu vermeiden gewesen wäre, wenn die spanische Politik mehr Um- und Weitsicht gezeigt hätte.

Ich glaube, dass ein großartiges Gedicht eines unserer größten Dichter des 20. Jhdt. ein wunderbares Zeugnis über die Seelenlage der Katalanen über eine sehr, sehr lange Zeit ist. Ausnahmsweise (da dieser Blog kein kulturelles Feuilleton ist) folgt am Ende des Artikels meine Übersetzung des Gedichts „Mein Volk und Ich“ von Salvador Espriu (1913-1985), datiert vom 9. Februar 1968.

Und da die Erwartung, von der der Dichter sprach, auch 50 Jahre später immer noch und wieder enttäuscht wurde, wollen die Katalanen jetzt „aus der Tiefe des Brunnens“ aus eigener Kraft ausbrechen. So einfach ist das. Und auch vielleicht so schwer zu verstehen für all diejenigen, die nicht dieselbe bittere Erfahrung erleiden mussten.

Nach dieser „Denkpause“ wird uns demnächst auf diesen Seiten die Gegenwart wieder beschäftigen. Doch zunächst „Mein Volk und Ich“:

Wir tranken in kleinen Schlucken den sauren Wein des Spotts, mein Volk und Ich.

Wir hörten die starken Argumente des Säbels, mein Volk und Ich.

Wir mussten eine solche Lektion lernen, mein Volk und Ich.

Ein gleiches Schicksal hat uns für immer vereint, mein Volk und mich.

Herr, Diener? so sind wir nicht zu unterscheiden, mein Volk und Ich.

Wir hatten das Recht auf unserer Seite, gegen Bastarde und Diebe, mein Volk und Ich.

Wir retteten die Worte unserer Sprache, mein Volk und Ich.

Wir lernten die Stufen der Trauer herunterzugehen, mein Volk und Ich.

Aus der Tiefe des Brunnens blickten wir empor, mein Volk und Ich.

Wie beide erheben uns in brennender Erwartung, mein Volk und Ich.

P.S. In den beiliegender Video, ein berühmten katalanischer Liedermacher, Raimon,  singt dieser Text auf katalanisch.

 

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