Noch ein Schuss der nach hinten geht

Wir Katalanen haben uns seit langem daran gewöhnt, dass die Ratlosigkeit und/oder die Panik der spanischen Politiker über die katalanische „Revolution des Lächelns“ diese zu unüberlegten und oft törichten Reaktionen veranlasst, die gerade zu dem Gegenteil der gewollten Ergebnisses führen. Kürzlich konnten wir dazu ein musterhaftes Beispiel erleben. Durch die Brisanz der Ereignisse in der Weltpolitik ist dieses kleine Geschehen in den deutschen Medien übersehen worden, es ist aber zu einem wichtigen Mosaiksteinchen auf dem langen Weg Kataloniens zur Unabhängigkeit geworden.

Die katalanische Regierung hatte mit Hilfe katalanischer Abgeordneter des Europäischen Parlaments den größten Konferenzsaal des Parlamentsgebäudes gemietet, um dort am 24 Januar einen Vortrag zu halten, und um in Brüssel den katalanischen Unabhängigkeitsprozess zu erläutern. Die katalanischen Redner waren der Ministerpräsident Carles Puigdemont, der Vizepräsident und Wirtschaftsminister Oriol Junqueras, und der Landesminister für Auswärtige Angelegenheiten Raül Romeva. Nach Bekanntwerden dieser Absicht hat die Madrider Politik alles mögliche unternommen, um den Vortrag der Katalanen zu einem Fiasko werden zu lassen. Unter anderem hat ein Europaabgeordneter der spanischen Regierungspartei einen Brief an alle Kollegen in der Fraktion der Europäischen Volkspartei geschickt, in dem er bat „als Kollege und Freund“ nicht zu diesem Vortrag zu gehen, da dessen zweck „nicht mit den europäischen Zielen und Prinzipien konform wäre“.

In den verschiedenen Konferenzräumen des Europäischen Parlaments werden im Laufe des Jahres sehr viele Vorträge über die verschiedensten Themen gehalten, und es wäre durchaus möglich gewesen, dass dieser nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen hätte als jeder andere. Die Interventionsversuche der spanischen Regierung jedoch haben bewirkt, dass er überdurchschnittlich besucht wurde. Der Saal hat eine Kapazität von 350 Sitzen und war mit mehr als 500 Besucher, die teils an den Wänden standen, in den Fluren zwischen den Sitzreihen saßen oder von außen die Veranstaltung verfolgten, deutlich überbelegt. Darunter mehr als 40 Abgeordnete des Europäischen Parlaments aus 15 Ländern, viele Journalisten, Vertreter der Botschaften mehrerer EU-Länder, etc.

Carles Puigdemont

Minister Romeva betonte, dass sie nicht hier wären, um zu reklamieren oder zu protestieren, sondern um zu erklären und zu erläutern. Und das gelang den drei Redner offensichtlich ausgezeichnet. Am Ende bekamen sie stehenden Applaus der Zuhörer und viele der anwesenden Politiker erklärten am Tag darauf, dass die europäischen Institutionen sich nicht abseits dieses Problems halten könnten, sondern mit daran arbeiten müssten eine demokratische Lösung möglich zu machen, die den Katalanen die Möglichkeit gäbe, ihren Willen durch eine Volksbefragung zu manifestieren. Oder wie Puigdemont in seiner rede gesagt hat: „Die EU muss Teil der Lösung sein“.

Ein spanischer Politiker hatte ein paar tage zuvor gewitzelt, dass das ganze nicht bedeutender wäre als ein Treffen in einer bar oder einer Cafeteria. Nachher haben mehrere Katalanen in Facebook und Twitter sich darüber lustig gemacht, mit Fotos des vollen Konferenzsaals und Kommentaren wie „Mehr als 500 Leute in der Cafeteria“.

Zusammenfassend: eine Aktion, die ursprünglich für einen begrenzten und sehr speziellen Zuhörerkreis gedacht war, hat sich, auch dank der stümperhaften spanischen Intervention, in einen bemerkenswerten Erfolg der katalanischen Regierung gewandelt. Und für die spanische Politik in einen spektakulären Rohrkrepierer.

Hier die Videoaufnahme des Vortrages.

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