Der Zahlenkrieg der Erbsenzähler

Der 11. September, die „Diada“, der nationaler Feiertag Kataloniens, hat wieder viele Katalanen auf der Straße gebracht, um in fünf katalanische Städte für die Unabhängigkeit des Landes zu demonstrieren. Diesmal war die Zahl der Demonstranten knapp unter eine Million. Wie in den vorigen Jahren haben sofort die Erbsenzähler ihren Zahlenkrieg angefangen, und die Gegner der Unabhängigkeitsbewegung ihre Götterdämmerung prophezeit. Das gehört zur Routine, aber wer nicht richtig informiert ist kann, davon die falsche Schlüsse ziehen. Sehen wir uns es etwas genauer an.

Die verlässlicheren Zahlen gehen von eine Zahl knapp unter eine Million aus, und zwar:

  • in  Barcelona ca. 540.000 Demonstranten.
  • in Tarragona (Bevölkerung, 132.000): 110.000 Dem.
  • in Lleida,  (Bev. 138.000), 120.000 Dem.
  • in Salt, (Bev. 30.000), 135.000 Dem
  • in Berga (Bev. 17.000), 60.000 Dem.

Macht zusammen ca. 965. Demonstranten, und das ist ohne Zweifel weniger als in den vorigen Jahren. Davon aber eine Schwächung der Unabhängigkeitsbewegung abzuleiten ist irrig. Die Reaktionen in den sozialen Medien lassen zu einer anderen Deutung kommen. Bei den Leuten welche, diesmal nicht demonstriert haben, kann man in etwa drei gruppen ausmachen. Der kleinste der  drei sind die -meistens alte Leute-, die sich wegen der an dem Tag ungewöhnlich hohen Temperaturen  sich nicht trauten an der Demo teilzunehmen. Gerade die einzigen Zwischenfälle des Tages waren die von der Hitze verursachten Ohnmachten. Die zwei wichtigeren Gründe aber waren erstens das verkehrte Gefühl von vielen, dass jetzt, da die katalanische Regierung schon konkret an der Trennung arbeitet, es nicht mehr so wichtig wäre, weiter Druck zu üben und, zweitens, dass viele (und das war die größte Gruppe  der  Nichtteilnehmer) in ihre Ungeduld -weil sie meinen, dass alles viel zu langsam geht und erbost über das parteiische Hin und Her von manchen Politikern- ihre Abwesenheit als eine Art Denkzettel benutzten. Keine Abschwächung der Bewegung also, sondern eher verschiedene Meinungen in welchem Tempo es weiter gehen soll. Man darf nicht vergessen, dass es die fünfte Großdemonstration für die Unabhängigkeit ist (2012-2016) und auch eine knappe Million weiterhin mehr als die höchste Zahl jeder andere Demonstration in Europa in den letzten Jahren ist.

Die spanische Behörden, wie gewohnt, haben die Teilnehmer nur auf 360.000 geschätzt, sogar weniger als sich von vornherein für die Teilnahme eingeschrieben hatten. Es ist nur so, dass diese offiziellen spanischen Zahlen von niemanden ernst genommen werden, und von den internationalen Beobachtern nur mit Spott kommentiert werden. Und die spanische Zeitungen, welche, diese lächerliche Zahlen verbreiten entlarven am Ende sich selber. So geschehen diesmal mit der Zeitung „La Razón“. Diese Zeitung mit dem Titel „Die Vernunft“ erweist sich ständig – als Sprachrohr eines spanischen Ultranationalismus – alles andere als vernünftig. Und diesmal hat die Lachnummer des Tages hervorgebracht. Nicht mal „La Razón“ hatte sich diesmal getraut die niedrigere spanische Schätzung zu benutzen, und hatte eine Zahl von 815.000 Teilnehmer veröffentlicht. Dann aber dazugeschrieben das wäre eine halbe Million weniger als 2015. Das würde heißen, dass in dem Jahr 1.315.000 Demonstranten in Barcelona auf die Straße gewesen wären. 2015 hatte „La Razón“ wiederum geschrieben, es wären 400.000 Demonstranten weniger als 2014. Das hieß 2014 wären es 1.715.000 Demonstranten gewesen. Aber damals hatte „La Razón“ behauptet, dass nur 500.000 Menschen demonstriert hatten. Andersherum 500.000 im Jahr 2014 weniger 900.000 (wenn man die Argumente der Zeitung folgen will) ergäben für 2016 minus 400.000 (-400.000) Demonstranten, was mehr als surrealistisch ist. So viel über die Glaubwürdigkeit der spanischen Seite.

Oben links, Barcelona; rechts Lleida. Unten links Salt, mitte Tarragona und rechts Berga.

Was in Ausland immer mit Bewunderung registriert wird, ist die absolute Friedfertigkeit und Disziplin  dieser katalanischen Demonstrationen, die fröhliche und entspannte Stimmung, die Tatsache, dass nach der Demo die Straßen nicht schmutziger sind als vorher. Und, dass in diese Menschenmengen jeder ohne Schwierigkeit seinen Platz findet. Das ist jedes mal eine große logistische Herausforderung, die nur mit der Hilfe engagierter Helfer bewältigt werden kann. Diesmal konnte die hauptsächliche organisatorische Institution ANC mit 2.500 ehrenamtliche Freiwilligen rechnen, die den Ablauf der fünf Demos ohne Zwischenfall geregelt haben.

Abseits von der ganzen Erbsenzählerei macht die katalanische Regierung Ernst mit ihrem Fahrplan, der bis Herbst 2017 die endgültige Trennung von Spanien vorsieht, ein Weg voller Unwägbarkeiten und gefahren. In diesem Blog werden Sie, liebe Leser, die weitere Entwicklung lesen können.

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