Der soziale Hintergrund der Unabhängigkeitsbewegung

In anderen Artikeln in diesem Blog habe ich mehrmals darauf hingewiesen, dass die katalanische Unabhängigkeitsbewegung keine von oben verordnete Eintagsfliege ist, sondern aus dem Druck der Basis der Zivilgesellschaft entstanden ist. Dieser Druck hat aber nur entstehen können, weil diese Zivilgesellschaft sich in adäquaten und effizienten Arbeitsvereinen organisiert hat, die u.a. imstande waren Millionen Demonstranten auf die Straße zu bringen.

Es gibt eine ganze Menge solcher Lokal- und Berufsvereine (z.B. Ärzte für die Unabhängigkeit, Ingenieure f.d.U., Polizisten f.d.U., Anwälte f.d.U.. u.s.w.) aber das Rückgrat der Bewegung wird von drei großen Vereinigungen gebildet. Es sind:

1) Katalanische Nationalversammlung (Assemblea Nacional Catalana ANC), gegründet im März 2012. Sie vereint Menschen aus allen sozialen Schichten und fast aller politischen Parteien mit dem einzigen gemeinsamen Ziel die Unabhängigkeit auf friedlichen und demokratischen Wege zu erreichen. Von 2012 bis 2015 war ihre Vorsitzende die charismatische Philologin Carme Forcadell, die jetzt Parlamentsvorsitzende des katalanischen Parlaments ist. Die ANC bekommt kein Geld von öffentlichen Institutionen. Sie finanziert sich aus den Beiträgen der Mitglieder, aus dem Verkauf von Aktionsmaterial (T-Shirts, Wimpeln, etc.) und aus freiwilligen Spenden von Wirtschafts- und Geschäftswelt. Die ANC hat z.Zt. ca. 40.000 zahlende Mitglieder, kann aber ständig auf noch mehr als zusätzliche 60.000 Helfer und Mitarbeiter rechnen.

2) Òmnium Cultural. Òmnium wurde 1961 noch während der Diktatur gegründet und hatte mit den entsprechenden Schwierigkeiten ständig zu kämpfen. Ihr Ziel war die katalanische Kultur und Sprache zu fördern, und hat eine imponierende Bilanz  von erreichten Ergebnissen. In den letzten Jahren war die Vorsitzende von Òmnium eine andere charismatische Frau, Muriel Casals, von Freund und Gegner wegen ihre Integrität und ihrer Menschlichkeit  hoch geachtet und respektiert. Leider starb Fr. Casals Anfang dieses Jahres in Folge eines Verkehrsunfalls. Der neue Vorsitzender, Jordi Cuixart verfolgt weiter den von Fr. Casals vorgezeichneten Weg der Vereinigung.

3) Vereinigung der Gemeinden für die Unabhängigkeit (Associació de Municipis per la Independència AMI). Die AMI wurde im Dezember 2011 gegründet und unterstützt im Rahmen der Kompetenzen ihrer Mitglieder die Aktivitäten von ANC, Omnium, etc. In der AMI sind z.Zt. 785 der 948 Gemeinden Kataloniens (83 %) Barcelona und die Gemeinden des „roten Gürtels“ um die Hauptstadt sind noch nicht eingetreten. Die jetzige Bürgermeisterin von Barcelona hat die Absicht geäußert über das Thema eine Volksbefragung in der Stadt zu halten.

Es wäre zu lang (und für viele Leser zu unübersichtlich) eine ausführliche Liste der anderen für die Unabhängigkeit arbeitenden Vereine zu erstellen. Ich möchte hier nur zwei wegen ihre besondere Arbeit erwähnen. Die eine ist „Súmate“ (in etwa „schließt Dich an“), eine Sammlungsbewegung für die Unabhängigkeit, von spanischsprechenden Bewohnern des Landes. Einer der führenden Mitglieder, der junge Gabriel Rufián (34 Jahre alt, Soziologe, spezialisiert in Themen der Arbeitswelt), ist jetzt Fraktionsvorsitzender der Katalanischer Republikanischen linken (ERC)  im spanischen Parlament, und wird dort oft entsprechend angefeindet.

Der andere Verein, den ich erwähnen möchte, ist „Souveränität und Gerechtigkeit“ (Sobirania i Justícia. SiJ). Und zwar weil eine kleine Gruppe von sechs Wirtschafts- und Rechtsexperten, damals Mitglieder von SiJ, die ersten waren, die im Januar 2011 eine fundierte Studie über die wirtschaftliche Machbarkeit der Unabhängigkeit Kataloniens herausgaben, die ich damals die Ehre hatte ins Deutsche zu übersetzen. Außerdem organisiert SiJ regelmäßig Vorträge über das Thema mit katalanischen und ausländische Teilnehmern.

Vielleicht kann dem Leser diese kurze und absolut unvollständige Aufzählung des Organisationsgrades der katalanischen Gesellschaft eine Ahnung davon geben, wie wirkungslos die juristischen Maßnahmen der spanischen Regierung gegen katalanische Politiker bleiben müssen, wenn so viele Katalanen, der Schwierigkeiten de Unternehmens voll bewusst, aus Empörung und Enttäuschung entschieden sind Spanien zu verlassen.

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