Das Sprachen-Problem: schwierig aber lösbar

Bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Kataloniens noch eine katalanischsprechende. Der Bau der internationalen Expo von 1929 brachte die erste große Welle von spanischen Arbeitern und ihren Familien. Die zweite -und größte- kam nach dem Bürgerkrieg. In Katalonien haben damals viele Spanier die Verdienst- und Überlebenschance gefunden, die sie in ihrer Heimat nicht hatten. Die damaligen Verbote und Unterdrückung  der Sprache und Kultur Kataloniens führten aber zu dem Ergebnis, dass die neuen Bewohner des Landes wenig bis keine Gelegenheit hatten, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass sie jetzt in einem Land lebten, das kulturell radikal anders als ihre Ursprungsregionen war. Sie hörten zwar die „Aborigines“ privat in einer ihnen fast unverständliche Sprache reden, aber für ihr tägliches leben war diese andere Sprache vollkommen unnötig. Das ganze öffentliche Leben, die Schule, Rundfunk und Presse (später auch das Fernsehen) etc. war ausschließlich auf spanisch. Und so wurde Katalonien ein Land mit zwei sprachliche Gruppen: eine spanisch einsprachig, und eine andere gezwungenermaßen katalanisch-spanisch zweisprachig.

Die Bildungspolitik der katalanischen Regierungen der letzten 30 Jahren, die in den Schulen das katalanische als Lernsprache in allen Fächer einführte, hatte zwar zum Ergebnis, dass die neue Schülergenerationen Katalanisch können, aber außerhalb der Schule von keinem aus spanischsprechenden Familien im Alltag benutzt wurde, weil sie weiterhin das Katalanische für ihr normales Leben als unnötig betrachten konnten.

Die Frage wie ein unabhängiges Katalonien diesen Zustand behandeln muss, wird ín der katalanischen Gesellschaft  intensiv und kontrovers geführt. Es gibt im allgemeinen einen mehrheitlichen Konsens darüber, dass es keine einfache für alle zufriedenstellende Patentlösung gibt, aber wohl, dass das Problem lösbar sein wird.

Die vorherrschende Meinung ist es, dass in einem unabhängigen Katalonien das Katalanische die Hauptsprache sein muss (oder „offizielle“ oder „territoriale“ oder wie man es auch immer benennen will). Da man aber gleichzeitig keineswegs möchte, dass die spanischsprechende Bevölkerung dieselbe Schikanen erlebt, die wir Katalanen so lange erdulden mussten, soll diese Regelung von anderen begleitet und ergänzt werden, die international als gerecht betrachten werden können.

Wie am Ende alle Aspekte dieses Problems gelöst werden, wird von dem spanischsprechenden Teil der Bevölkerung die Erkenntnis verlangen, dass sie in einem neuen Staat leben, in dem das Spanische nicht mehr wie in den letzten 300 Jahren privilegiert ist. Und von der katalanischsprechende Bevölkerung die Erkenntnis dass sich nicht alles von einem Tag zum anderen ändern wird und, dass das bisherige friedliche Miteinander der beiden gruppen weiter beibehalten erden muss. Und das, was auch immer die ewigen Kassandra Stimmen behaupten mögen, wird gelingen, weil die Katalanen respektieren, wer sie respektiert.

Von diesem Respekt anderen gegenüber gibt es ein Beispiel, das in Deutschland wenig oder gar nicht bekannt ist. Im äußersten Nordwesten Kataloniens liegt der Arantal. Dieses hat in etwa ca. 1,1 % der Fläche und 0,15 % der Bevölkerung Kataloniens. Die Sprache der Bevölkerung dieses Tales ist weder Spanisch noch Katalanisch sondern Aranesisch, eine Mundart des Okzitanischen. Das Tal wurde im Mittelalter durch dynastische Zufälligkeiten Katalonien zugeführt, obwohl es geographisch und kulturell zum Großraum Aquitanien gehörte. Schon vor einigen Jahren hat das autonome Katalonien das Arantal eine weitgehende Selbstverwaltung zugestanden, die auch den normalen gebrauch des aranesischen  einschließt. In allen bisher erschienenen Entwürfen einer katalanischen Verfassung werden diese rechte der Aranesen in einem besonderen Kapitel festgeschrieben. Und wenn die Rechte des sehr kleinen Arantal respektiert werden, desto mehr würde eine gangbare Lösung für die spanischsprechenden Katalanen gefunden werden.

Es ist in den letzten Jahrhunderten viel Unrecht geschehen, und es wird viel Mühe und Geduld kosten, alles wieder ins Lot zu bringen ohne dass neues Unrecht geschieht. Aber es wird gelingen, weil es bei der überwältigenden Mehrheit der Katalanen keinen revanchistischen Geist gibt. Eher eine immense Traurigkeit, dass die Sturheit der spanischen Katalonien-Politik keine andere Lösung als die Trennung zugelassen hat.

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