Katalonien und die deutsche Presse (I)

(März 2016). Ich bin einer der vielen Katalanen, die -aus welchem Grund auch immer- in Deutschland leben. Seit 1960 lebe ich in Hamburg und bin mit einer Hamburgerin verheiratet; die Katalanen sind meine Landsleute, die Deutschen meine Mitbürger. In diese langen Zeit, aber besonders in den letzten Jahren, habe ich immer wieder feststellen können, wie wenig und wie falsch die meisten deutschen Korrespondenten in Spanien über Katalonien informiert sind.

Zu deren Entlastung möchte ich hinzufügen, dass es bei den meisten spanischen Journalisten auch nicht anders aussieht. Wie kommt das? Ganz kurz erklärt: vor 300 Jahren wurde Katalonien von einem vereinten spanisch-französisch Heer besiegt, seine staatlichen Institutionen aufgelöst und das Land unter ein grausames Okkupationsregime gestellt, mit dem Ziel seine Eigenständigkeit auszulöschen. In diesen 300 Jahren ist eine offizielle spanische Version der Geschichte entstanden -die auch in den Schulen von allen spanischen kindern gelernt werden musste-, die besagte dass Katalonien immer ein Teil von Spanien war, die oft die katalanische Sprache zu einem folkloristischen Dialekt zu erniedrigen versuchte, und die ganze nationale Persönlichkeit Kataloniens als ein Hirngespinst behandelte.

Das hat natürlich Wirkung gezeigt. Aber heute, in den Moment, dass die Katalanen nicht weiter willig sind, die Willkür der spanischen Katalonien Politik zu akzeptieren, rächt sich diese langjährige spanische Selbsttäuschung, indem sie bei den spanischen Politikern eine klare Vision der Realität verhindert, und dasselbe geschieht mit all denen, die diese deformierte Version der spanischen und der katalanischen Geschichte für bare Münze genommen haben. Und das gilt auch für viele deutsche Journalisten. Das allein wäre kein Grund, um ihnen etwas vorzuwerfen. Der Vorwurf gilt mehr den geringen Interessen vieler Journalisten, richtig zu recherchieren, und auch die katalanische Version der heutigen Ereignisse ernsthaft abzuwägen. Stattdessen werden die Hasstiraden der Madrider Presse nachgeplappert oder sogar wörtlich wiedergegeben. Einige „Argumente“ werden immer wiederholt, obwohl sie leicht zu widerlegen sind. Dagegen helfen auch keine Leserbriefe (die nicht mal abgedruckt werden). Ich werde hier nur drei von diesen haarsträubenden Behauptungen zitieren: 1) Katalonien ist nie ein unabhängiger Staat gewesen; 2) Katalonien ist praktisch bankrott, ist die meistverschuldete Region Spaniens und kann nur weitermachen dank der Hilfe der spanischen Zentralregierung; und 3) Das Streben nach Unabhängigkeit ist das Ergebnis von den Verirrungen von einigen machthungrigen Regionalpolitikern, die damit die katalanische  Gesellschaft bis weit in das Leben der Familien zerbrechen.

Lassen wir uns heute auf die erste Behauptung konzentrieren. Jene, die sagen, dass Katalonien nie unabhängig war, meinen, dass das Land zunächst ein Teil des Königreiches Aragonien war und später -durch die Union von Aragonien mit Kastilien- ein Teil Spaniens. Und damit beweisen sie eine bedauernswerte Ignoranz der geschichtlichen Fakten. Die sehen anders aus. Darüber eine kurze Chronologie.

Ende des 10. Jhdt., die Grafen von Barcelona erneuerten nicht mehr ihren Schwur als Vasallen des karolingischen Frankenreiches, wurden von den anderen katalanischen Grafen als „primus inter pares“ akzeptiert und damit entstand de facto ein neuer Staat, der sich selbst regierte und von keinem anderen abhängig war.

In den ersten Hälfte des 12. Jhdt. König Alfons I von Aragonien -der keinen männlichen Erben hatte- verlobte seine kleine Töchter mit den Grafen von Barcelona, und nach seinem Tode wurde der Graf Ramon Berenguer IV König von Aragonien. Beider Länder aber -Katalonien wie Aragonien- waren weiter zwei verschiedene politische Einheiten, die sich (heute reden wir von einer Konföderation) durch eigene Gesetze regierten, mit zwei getrennte Parlamenten. Die Behörde des einen Landes hatten keine Befugnisse in den anderen.

Anfang des 16. Jhdt. , unter Karl I von Spanien (Kaiser Karl den V von Deutschland), wurde dieser auch König von Aragonien und Katalonien. Der Modus (entgegen der offiziellen spanischen Version) war derselbe als zwischen Aragonien und Katalonien. Es war praktisch eine größere Konföderation. Die kastilische Justiz hatte in Aragonien oder in Katalonien nichts zu melden. Der König Spaniens war nicht automatisch König von Aragonien oder von Katalonien, wenn er nicht persönlich vor der Parlamenten dieser Staaten erschien und den Eid auf die Landesgesetze leistete.

Katalonien war also vom Ende des 10. Jhdt. bis Anfang des 18. ein selbstständiger Staat, der nur derselben König hatte, erst wie Aragonien, und später wie Kastilien. Dieser Zustand endete, wie vorher gesagt, mit der Eroberung Kataloniens während des spanischen Erbfolgekriegs und mit der Vernichtung aller ihrer politischen und kulturellen Institutionen.

Trotzdem liest man immer wieder in der deutschen Presse, oft mit einer guten Prise von Häme, dass „Katalonien, anders als Schottland, nie unabhängig war“ und jede Richtigstellung wird ignoriert.

 

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